Ein Gespräch mit dem ehemaligen DDR-Militärplaner Siegfried Lautsch zu Russlands Krieg in der Ukraine

„Es wäre für die Verteidiger heldenhaft, die Waffen zu strecken!“

08.03.2022 – Siegfried Lautsch, Jahrgang 1949, Offizier der NVA der DDR und später der Bundeswehr. Im Interview mit dem Aachener Friedensmagazin aixpaix.de erläutert er seine Auffassung zu Russlands Krieg in der Ukraine.

Otmar Steinbicker: Herr Lautsch, Sie haben eine besondere Karriere als Berufssoldat. Sie waren einst Oberst in der NVA der DDR und vor Ihrer Pensionierung Oberstleutnant der Bundeswehr. Wie sehen Sie den aktuellen Krieg in der Ukraine?

Siegfried Lautsch: Es fällt mir schwer, die richtigen Worte für mein Entsetzen über den Krieg der russischen Administration gegen die Ukraine zu finden. In der Ukraine wird ein Krieg geführt, der die ganze Welt gefährdet. Fehleinschätzungen, grauenhafte Folgen intensiver Kampfhandlungen und Lügen bestimmen die Tagesereignisse. Besessenheit und Gewalt treffen zusammen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass vielen russischen Soldaten und jungen Einheitsführern erst jetzt klar wird, dass sie für den Wahnwitz ihres Präsidenten und eines engen Führungskreises ihr Leben aufs Spiel setzen.

Otmar Steinbicker: Sie hatten beruflich Kontakt früher zu sowjetischen, später zu russischen Offizierskollegen.

Siegfried Lautsch: Ich hoffe, dass zumindest das höhere Offizierskorps weiß was es tut, wobei ich mir auch gut vorstellen kann, dass sich die unmittelbaren militärischen Führer in einer fast aussichtslosen Lage befinden, entweder sie führen ihre Truppen im Kampf oder sie kommen vors Kriegsgericht. Ein scheußlicher Gedanke als ehemaliger Truppenführer, der für den Krieg ausgebildet wurde, um ihn nie führen zu müssen, und wegen der Kenntnis damaliger Optionen eines gedachten Krieges „illusionäre“ Vorstellungen hatte. Alles dass, was sich jetzt in der Ukraine abspielt, ist nicht „visionär“ sondern Realität, ein menschenverachtender unverantwortlicher Angriffskrieg eines Diktators.

Otmar Steinbicker: Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr hat 2013 ihr Buch mit dem Titel „Kriegsschauplatz Deutschland. Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA-Offiziers“ publiziert. Hier beschreiben Sie u. a. wie sich in den 1980er-Jahren die NVA der DDR, als Teilnehmerstaat der Warschauer Vertragsorganisation (WVO) auf dem Westlichen Kriegsschauplatz, auf operativer und taktischer Ebene auf einen Krieg vorbereitet hat. Gibt es Ähnlichkeiten, sind damalige Ansichten auch mit heutigen Kampfhandlungen vergleichbar?

Siegfried Lautsch: Nach dem damaligen Verständnis des Ost-West-Konflikts seitens der WVO wurde eine Aggression durch die NATO erwartet, auf die sich die Streitkräfte der WVO mit unterschiedlichen Optionen vorbereitet haben. Gegenwärtig ist jedoch Russland der Aggressor, somit ist die Lage eine andere.

Was die Kampfhandlungen in der Ukraine betrifft, handelt es sich bisher vor allem um offensive Gefechte und um einen psychologischen Zersetzungskrieg, welche in Operationen der Land-, Luft- und Seestreitkräfte sowie in einem Cyber- und Informationsraum eingebunden sind. Diese werden je nach der Abwehrbereitschaft der ukrainischen Truppen eskalieren. Das bedeutet, dass die russischen Kampfhandlungen dem Ziel der völligen Zerschlagung der ukrainischen Streitkräfte untergeordnet sind. Das erinnert sehr wohl an Operative und Strategische Planungen der seinerzeit vom sowjetischen Generalstab geführten Fronten eines gedachten Krieges im Ost-West-Konflikt, nämlich den Gegner auf seinem Territorium vernichtend zu schlagen.

Alle Planungen im Ost-West-Konflikte erfolgten unter dem möglichen Einsatz von taktischen und operativ-taktischen Nuklearwaffen, was auch in der Ukraine nicht ausgeschlossen werden darf.

Otmar Steinbicker: Sie wurden noch an der Frunse-Akademie in Moskau, der bedeutendsten Militärakademie der UdSSR ausgebildet und kennen das operative Denken der Militärs im Ost-West-Konflikt. Welche Eskalationsstufen der russischen Invasion in der Ukraine halten Sie für denkbar?

Siegfried Lautsch: Zunächst sollte durch internationalen Druck der Zivilgesellschaften in Europa und der Welt, vornehmlich Chinas, alles getan werden, die Eskalation des Kriegs einzudämmen.

Wenn das nicht gelingt, dann dürften die russischen Streitkräfte militärische Einrichtungen, vor allem militärische und zivile Führungsstellen, aber auch die Infrastruktur des Landes zerstören, Städte und Ortschaften einkreisen und isolieren, um mit Voraustruppenteilen auf den Zugängen zu den Stadtzentren vorzudringen und Voraussetzungen für die Hauptkräfte zur Einnahme der urbanen Räume zu schaffen. Da es dabei zu einem nachhaltigen Häuserkampf kommen wird, werden die Dimensionen der Gefechte, Zerstörungen und Verluste exorbitant steigen. Das würde dazu führen, dass es im Verlauf der Kampfhandlungen zu wiederholter Korrektur der russischen Angriffshandlungen zur Einnahme von Großstädten kommen wird.

Otmar Steinbicker: Was wird da voraussichtlich passieren?

Siegfried Lautsch: Die Städte werden unter Bildung von Sturmabteilungen, vor allem mit Panzern, Schützenpanzern und Artillerie eingenommen. Zur Unterstützung der Vorausabteilungen und zur Einnahme wichtiger kritischer Infrastruktur, wie Verwaltungs- und Industrieeinrichtungen, Energiequellen, Kraftwerke etc. werden Luftsturmeinheiten und Spezialtruppen zum Einsatz kommen. Der Sturm einer Stadt wird – solange die Operation „planmäßig“ verläuft – in Richtungen erfolgen, um die Stadt in Sektoren aufzuspalten, den Verteidiger zu isolieren bzw. auszuschalten. Sollte der Verteidiger jedoch den Kampf wegen besonderer Zivilcourage nicht aufgeben wollen, ist eine weitaus größere Katastrophe zu erwarten, weil der Sturm der Stadt dann durch den Einsatz massiver Kräfte und vor allem aller Feuermittel erfolgen wird. Die russischen Streitkräfte werden mit allen Mitteln versuchen, die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen. Sie werden den Angriff besonders aus der Luft verstärken und den militärisch-industriellen Komplex vollständig zerstören. Dabei wird es dann zu einer weitgehenden Zerstörung kritischer Infrastruktur bis zur Aufgabe des Verteidigers kommen.

Otmar Steinbicker: Sollten die Verteidiger angesichts dieser Perspektiven aufgeben?

Siegfried Lautsch: In dieser Lage wäre es für die Verteidiger einschließlich der politischen und militärischen Führung des Landes „heldenhaft“, die Waffen zu strecken, um nicht weitere unnötige Verluste in Kauf zu nehmen. Denn vor einem Sturmangriff sind erhebliche Feuerschläge zu Lande und aus der Luft zu erwarten. Zudem ist nicht auszuschließen, dass Spezialeinheiten unterirdische Anlagen und Verbindungen in und um die Stadt nutzen werden, was vor allem für die Schutzsuchenden in U-Bahn-Stationen eine große Gefahr in sich bergen würde.

Auch wenn es sich um einen abscheulichen Krieg handelt, so sind die Verantwortlichen auf beiden Seiten verpflichtet, Tote und Verwundete im Kampfgebiet, in Kellern und zerstörten Anlagen zu bergen, sanitäre, hygienische und antiepidemische Maßnahmen zu gewährleisten, zudem humanitäre Korridore zur Evakuierung zu öffnen.

Otmar Steinbicker: Das betrifft die Verteidiger in den Städten?

Siegfried Lautsch: Mit der Einnahme von weiträumigen Landesteilen in der Ukraine durch russische Truppen ist auf dem Lande ein Guerillakrieg zu erwarten, der lange andauern kann.

Otmar Steinbicker: In Russland haben Intellektuelle und viele Bürgerinnen und Bürger auf unterschiedlicher Weise den Krieg scharf verurteilt. Spielen diese Aktivsten mit ihrer Existenz?

Siegfried Lautsch: Es ist ja kein Krieg der Russen gegen die Ukrainer. Es ist nur eine kleine Clique unvernünftiger, gewissenloser und verbrecherischer Protagonisten, die diesen Krieg angefeuert hat, dessen unermessliche Folgen nicht abzusehen sind.

Die Wahrheit über den Krieg wird trotz Zensur und Propaganda auch in Russland bekannt werden. Die Bilder zerstörter Infrastruktur, von Toten, Verwundeten und von den Millionen Menschen auf der Flucht werden nicht unbeantwortet bleiben. Die Bürger in Russland werden nicht schweigen, sie werden gegen die Gewalt des Krieges auf die Straßen gehen und sich gegen das Putin-Regime wenden.

Vor allem die „Soldatenmütter gegen den Krieg“ werden aktiv. Denn keine Mutter, egal ob in Russland, in der Ukraine oder anderswo, will ihren Sohn in einem unsinnigen Krieg verlieren. Meine Sympathie und Solidarität gelten deshalb nicht nur dem ukrainischen Volk, sondern auch der russischen Bevölkerung, die ebenso die exorbitanten Folgen dieses desaströsen Krieges ihrer Potentaten ertragen müssen. Die Aktivisten in Russland gegen den Krieg sind mutig. Ja, sie spielen mit ihrer Existenz! Aber was sollen sie anderes tun, um vor sich und der Welt glaubwürdig zu sein?

In einem Offener Brief an Präsident Putin fordern russische Organisationen, den Krieg zu beenden: „Krieg ist eine humanitäre Katastrophe, die Schmerz und Leid vermehrt. Wir halten gewaltsame Methoden zur Lösung politischer Konflikte für unmenschlich und rufen Sie zur Beendigung des Feuers und zum Beginn der Verhandlungen auf.“ Bei Straßenprotesten gegen Putins Krieg gibt es bisher tausende Festnahmen.

Auch einige Abgeordnete der Duma haben mit ihrer Stimme im Parlament zur Anerkennung der Volksrepubliken Donezk und Luhansk als unabhängige Staaten keinen Krieg auslösen wollen. Deshalb muss der Krieg umgehend beendet werden. Jeder vernünftige Mensch votierte für Frieden und nicht für Krieg. Viele Russen äußern sich auch in den sozialen Netzwerken entsetzt über diesen Krieg. Das Leben und die Ansichten der Russen sind gespalten, wie zur Zeit der Sowjetunion. Europa hat die Friedensdividende nach Beendigung des Kalten Krieges verspielt, der Kontinent wird eine lange Zeit benötigen, bis wir von einem friedlichen Europa sprechen können.

Otmar Steinbicker: Was schlagen Sie vor, zu tun?

Siegfried Lautsch: Auch wenn der Kriegsausgang in der Ukraine weiterhin unabsehbar ist, muss die Eskalation des Krieges vermieden werden. Deshalb müssen alle Möglichkeiten von Gesprächen und Vereinbarungen von beiden Seiten genutzt werden, um für einen Waffenstillstand zu sorgen und um weiteres Unheil zu verhindern. Zudem muss der Eindruck ausgeschlossen werden, dass NATO-Staaten sich aktiv an dem Konflikt beteiligen.

Die Politik des Westens sollte ihren Blick in der Hinsicht schärfen, dass nach Beendigung des Krieges, die Sicherheit in Europa mit und nicht gegen Russland herzustellen sein wird. Hier können Deutschland und Frankreich eine zentrale Rolle spielen, indem Sanktionen schrittweise zurückgenommen werden, sobald ein Einlenken der russischen Administration erkennbar wird.

Auch wenn der Einsatz russischer Nuklearwaffen für wahnwitzig erscheint, ist er nicht ausgeschlossen, das bedarf besonderer Zurückhaltung der NATO-Mitgliedsstaaten, um den Krieg nicht weiter anzuheizen!

Nicht zuletzt bedarf es bereits heute konzeptioneller Überlegungen, welchen Platz Russland und die Ukraine in einem künftigen Europa einnehmen werden. Vernünftig wäre, vor allem unter den gegenwärtigen Tatsachen, dass die Aufnahme der Ukraine und weiterer Anrainerstaaten Russlands in die NATO, aber auch der EU-Beitritt ein hypothetisches Konstrukt bleiben sollte.


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