Ein Gespräch mit dem ehemaligen DDR-Militärplaner Siegfried Lautsch

Von der Präventivkriegsplanung zur Erkenntnis, dass ein moderner Krieg nicht mehr gewonnen werden kann?

08.04.2017 – Siegfried Lautsch, Jahrgang 1949, war während seiner Dienstzeit in der „Nationalen Volksarmee“ (NVA) der DDR als Leiter der operativen Abteilung im Kommando des Militärbezirks V (Neubrandenburg) mit den Einsatzplanungen der 5. Armee für den Ernstfall betraut. Ging es 1983 um die Planung eines Präventivkrieges gegen die Bundesrepublik?

Im Interview mit dem Aachener Friedensmagazin aixpaix.de erläutert er die damaligen Überlegungen, die späteren Veränderungen der sowjetischen Militärdoktrin und die heutige Problematik eines großen Krieges in Europa.

Otmar Steinbicker: Herr Lautsch, Sie waren 1983 als DDR-Offizier an einer Präventivkriegsplanung der Warschauer Vertragsorganisation (WVO) gegen die Bundesrepublik beteiligt. Was wurde damals geplant?

Siegfried Lautsch: Die Behauptung wonach die WVO einen „präventiven Krieg“ gegen Westeuropa geplant habe, wird einem komplexen Thema zu wenig gerecht. Moskau hatte aus seiner Militärdoktrin nie ein Hehl gemacht. Die Planungen liefen darauf hinaus, einen Krieg, wenn er von der NATO entfesselt wird, nicht auf dem Boden der Verbündeten, sondern auf dem Territorium des Gegners, also der NATO-Mitgliedstaaten, auszutragen werden wird.

Das war die Konsequenz aus den bitteren Erfahrungen der UdSSR im Zweiten Weltkrieg. Damals zeigte dieser Krieg, dass nicht nur die Anfangsperiode, sondern auch der „Erstschlag“ der deutschen Wehrmacht eine große Bedeutung für den Kriegsverlauf erlangte und zu extrem hohen Verlusten auf dem sowjetischen Territorium führte. So etwas wollte man nie wieder zulassen, sondern einem vergleichbaren „Erstschlag“ auf jeden Fall zuvorkommen.

Das hieß zugleich: Ein Angriff war allein als Reaktion auf eine Aggression des Gegners beabsichtigt. Das bedeutet, dass wenn sich aus unterschiedlichen Aufklärungsquellen ein Gesamtbild ergeben hätte, aus dem der Aufmarsch der NATO-Streitkräfte eindeutig zu erkennen gewesen wäre, und keine Zweifel mehr bestanden hätte, dass der Krieg unmittelbar bevorstehe, dann wäre auch ein zuvorkommender Angriff möglich gewesen.

Bei den operativen Planungen handelte es sich um eine „Strategische Verteidigungsplanung“. Je nach der Lage konnten Angriffs- und Verteidigungsoperationen sowohl in den Armeen als auch in der 1. Front durchgeführt werden. Im Klartext heißt das, dem angreifenden Gegner in einer Richtung Widerstand zu leisten, also zu verteidigen, um mit einer Überlegenheit an Kräften und Mitteln in einer anderen Richtung anzugreifen.

Otmar Steinbicker: Ein solches „Gesamtbild“ wurde 1983 gesehen?

Siegfried Lautsch: Nein, gesehen nicht, aber als sich Anfang der 1980er Jahre die Konfrontation im Kalten Krieg verschärfte, wurde eine solche Situation im Zuge einer weiteren Konfrontation für möglich gehalten. Daher wurde unter sowjetischer Führung ein kleiner Kreis von Offizieren der NVA der DDR mit operativen Planungen für einen solchen Ernstfall betraut. Ich war damals Oberstleutnant der NVA und Leiter der operativen Abteilung im Militärbezirk V, mit dem Stab in Neubrandenburg, und damit mitverantwortlich für die Einsatzplanung der 5. Armee, die vor allem im heutigen Mecklenburg-Vorpommern disloziert war. In den Jahren 1983 und 1985 war ich an zwei sehr unterschiedlichen Planungen beteiligt. An der Planung 1988 nahm ich persönlich nicht mehr teil. Zu dieser Zeit war ich bereits in das Ministerium für Nationale Verteidigung versetzt worden.

In allen Fällen gingen die zuständigen Generale, Admirale und Offiziere davon aus, dass die NATO einen Krieg auslösen würde. Wir legten unter dieser Annahme Aufmarschräume fest, aus denen sowohl Verteidigungs- als auch Angriffsoperationen durchgeführt werden konnten. Wir planten lediglich mögliche Einsatzoptionen. Wir hatten nicht über deren Anwendung zu entscheiden. Mit anderen Worten: Die „Planer“ zerbrachen sich ebenso wie ihre Gegenspieler in der NATO die Köpfe darüber, wie sie einem überraschenden Angriff des Gegners zuvorkommen können. Die Entscheidung darüber lag aber nicht bei den Militärs, sondern in den Händen der Vorgesetzten in den Politbüros der WVO, die vor allem von politischen Erwägungen geleitet wurden.

Otmar Steinbicker: Was sollte mit einem solchen Präventivkrieg bezweckt werden?

Siegfried Lautsch: Das Szenario für einen möglichen Angriffskrieg war ausschließlich im Jahr 1983 erarbeitet worden. Damals gingen wir entsprechend der geschilderten Militärdoktrin davon aus, dass einer angenommenen Aggression der NATO mit einer offensiven militärischen Strategie begegnet werden müsse. Deshalb war beabsichtigt, möglichst schnell die militärische Initiative durch strategische Angriffsoperationen zu ergreifen, durch die der vermeintliche Aggressor auf seinem Territorium vernichtend geschlagen werden sollte. Oder, dass er frühzeitig von seinen aggressiven Absichten absieht und seine Kampfhandlungen beendet.

Also noch einmal: Alle unsere Planungen basierten auf der Annahme, dass die NATO den Krieg entfesseln würde. Ein abenteuerlicher Präventivkrieg praktisch „aus heiterem Himmel“ war von uns nicht beabsichtigt und widersprach auch jeder militärischen Logik.

Otmar Steinbicker: Was führte 1983 zumindest zu der Annahme, dass die NATO einen Krieg entfesseln könnte, so dass entsprechende Planungen aufgenommen wurden?

Siegfried Lautsch: Ronald Reagan ordnete am 23. März 1983 offiziell die Strategische Verteidigungsinitiative (Strategic Defense Initiative/SDI) zum Aufbau eines Abwehrschirms gegen die sowjetischen Interkontinentalraketen an. Zugleich erhielten die Streitkräfte der NATO einen Modernisierungsschub. Die Gliederung der Streitkräfte, die Struktur, Bewaffnung und Ausrüstung der alliierten Korps der NATO-Streitkräfte auf westdeutschem Territorium, vor allem aber der Atomic Strike Plans der alliierten Luftflotten, ließen Fähigkeiten für eine offensive Kriegsführung der NATO erkennen. Mit anderen Worten: Die Planungen des Pentagons für den Atomkrieg (SIOP-5) aus dem Jahr 1982 enthielten mehr als 40.000 Nuklearziele bis weit in das Territorium der Sowjetunion hinein. Berechnungsgrundlage der US-Experten für die Zielplanung war, dass auf Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern ein Atomsprengkopf bereitgestellt werden sollte, für Moskau mehrere.

Die WVO sah in der verschärften Aufrüstung des Westens eine massive Bedrohung, gegen die reagiert werden musste. Die Streitkräfte der WVO waren entsprechend der 1983er Planung bereit, die Schläge des Gegners abzuwehren, vernichtende Gegenschläge zu führen und mit sofort folgenden Kampfhandlungen den Gegner auf seinem Territorium vernichtend zu schlagen. Bei Vorliegen zuverlässiger Erkenntnisse über tatsächliche Angriffsabsichten des Gegners, also in der Erwartung eines ohnehin unvermeidlichen Krieges, hielten wir als Planer dann auch präventive Offensivhandlungen für möglich.

Die Angriffsoperation der 5. Armee der NVA hatte in diesem Zusammenhang zum Ziel, durch starke Schläge die Gefechtsordnung des I. Niederländischen Korps aufzubrechen und nach Teilen zu zerschlagen, durch ständige Bekämpfung seiner Gruppierungen mit Feuer und Manöver der Truppen Niedersachsen in 5 bis 7 Tagen einzunehmen. Mit dieser Option sollte der Nachschub aus Westeuropa und den USA unterbrochen und damit günstige Voraussetzungen für die südlich der 5. Armee handelnden Hauptkräfte der 1. Front geschaffen werden.

Für den ersten Tag war die Zerschlagung der Deckungstruppe der Niederländer vorgesehen und ein Vorstoß von 50 bis 60 Kilometern bis Evendorf (westlich von Lüneburg) und Uelzen (südlich von Lüneburg) geplant. Am zweiten Tag sollten dann sowjetische Luftsturmtruppen westlich von Aller und Weser abgesetzt werden. Am dritten Tag war westlich der Weser, westlich von Nienburg die Einführung einer weiteren Division, namentlich die 8. Mot. Schützendivision beabsichtigt, um den Angriff fortzusetzen. Dieser Vorstoß von 270 bis 350 Kilometern bis an die niederländische Grenze mit Zentrum Ahaus hätte im Rahmen der Gesamtoperation der 1. Front einen starken Flankenschutz für die sowjetische 2. und 3. Armee geboten, die den Hauptangriff gegen die Bundesrepublik führen sollten.

Otmar Steinbicker: Hatten Sie und Ihre Kollegen bei dieser Präventivkriegsplanung die Gefahr einer Eskalation bis hin zu einem Atomkrieg einbezogen oder hielten Sie es für möglich, einen solchen Krieg auf ein konventionelles Niveau zu begrenzen?

Siegfried Lautsch: Diese Frage legt den Finger in die Wunde. Noch bis Mitte der 1980er Jahre gingen die Militärs der Vereinigten Streitkräfte der WVO davon aus, dass sie unter unterschiedlichen Lagebedingungen Atomwaffen einsetzen. Ein solcher Einsatz war vorgesehen als Antwort auf einen nuklearen Ersteinsatz der NATO, aber auch bei einer fortschreitenden Niederlage der eigenen Streitkräfte im konventionellen Krieg, bei erheblichem Verlust der eigenen Kampfkraft, bei entscheidender Schwächung der eigenen Kräfte und Mittel, die das Erreichen der operativ-strategischen Zielsetzung gefährdeten sowie bei der Infragestellung bzw. Nichterfüllung der gestellten Zielsetzung der Armeen oder Fronten.

Für unsere Planung hieß das, auch im 1. Kernwaffenschlag bis zu 32 Schläge mit atomar bestückten taktischen und operativ-taktischen Raketen vorzusehen. Dafür wurden konkret folgende gegnerische Ziele zur Vernichtung ausgewählt: In der ersten Phase die Startrampen des Raketenartilleriebataillons 129 des I. Niederländischen Korps und des Raketenartilleriebataillons 650 des Jütländischen Korps, Atomwaffenträger auf Flugplätzen sowie verschiedene Fliegerleit- und Meldezentren und in der zweiten Phase die Atomminenversorgungspunkte und die Gefechtsstände bzw. vorgeschobenen Gefechtsstände des Jütländischen Korps und des I. Niederländischen Korps.

Bei einem massierten Atomwaffenschlag auf den Gegner durch die Landstreitkräfte der 1. Front wäre etwa die 1800-fache atomare Sprengkraft verglichen mit der Hiroshima-Bombe eingesetzt worden. Bereits nach wenigen Stunden sollten dann Panzer- und mechanisierte Truppen in den von Atomwaffen zerstörten Raum hinein erfolgen, um die Ergebnisse des nuklearen Einsatzes im Interesse tiefer Schläge der Kampftruppen zu nutzen.

Otmar Steinbicker: Das klingt aber arg abenteuerlich!

Siegfried Lautsch: Ja, die beabsichtigte Disposition widersprach realistischen militärischen Überlegungen und stellte eine Verharmlosung der unmittelbaren Wirkung und der folgenschweren Auswirkungen des Atomwaffeneinsatzes dar. Eine bewegliche Operations- und Feuerführung wäre beträchtlich eingeschränkt worden.

Bei diesem Einsatz wären nicht nur viele Opfer zu beklagen gewesen, sondern auch die Infrastruktur des Landes zerstört und große Teile des Territoriums radioaktiv verstrahlt worden. Auch das Ausmaß an Folgeschäden für Mensch, Natur und Umwelt im direkten und im angrenzenden Kriegsgebiet wäre unübersehbar gewesen, auch wenn es niemand exakt voraussagen konnte. Es hätte wahrscheinlich allein Monate gedauert, um die Dimension der Gesamtschäden festzustellen. Mit dem Einsatz von Atomwaffen wäre eine aktive, entschlossene und höchst bewegliche operative Führung mit Offensivstößen kaum mehr möglich gewesen. Das ökologische Gleichgewicht ganzer Regionen wäre zerstört worden. Tote und Verwundete, Hunger und Krankheiten und das Ungemach des Krieges hätten die Kampfhandlungen weitgehend bestimmt, verbunden mit den Problemen der Führung, der Operationsfähigkeit, der Versorgung und Lenkung der Truppen und natürlich auch der Evakuierung der Zivilbevölkerung aus dem unmittelbaren Kampfgebiet.

Angesichts dieser Erkenntnisse hätten die führenden Militärs der WVO und der NATO davon ausgehen müssen, dass die zu erwartende Nuklearkatastrophe die operativ-strategische Beherrschung des Raumes, ein schnelles und entscheidendes Niederwerfen des Gegners infrage gestellt hätte. Die Operationsfreiheit wäre gelähmt worden und schließlich gescheitert.

Otmar Steinbicker: War das denn den Beteiligten der Planung nicht klar?

Siegfried Lautsch: Die Politik und die militärwissenschaftliche Forschung befassten sich mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen und den Dimensionen ihrer Vernichtungs- und Zerstörungsgewalt. Doch die Beschäftigung mit dieser Thematik blieb einem kleinen Kreis von Akademikern überlassen, um die Öffentlichkeit nicht über Gebühr zu beunruhigen.

Zu den Atomwaffen jener Zeit gehören alle Arten von atomarer Munition und Trägermittel. Die Streitkräfte der NATO und der WVO verfügten über Atommunition mit TNT-Äquivalenten von 0,01 Kt bis zu mehreren Megatonnen. Beide Militärblöcke sahen Nuklearwaffen als ein neues bevorzugtes Mittel der Kriegführung an. Was die Militärs vorher mit vielen Geschossen erreichen konnten, war nun mit sehr viel weniger Munition möglich. Das erzeugte eine euphorische Vorstellung der Wirkung von Nuklearwaffen. Bei all diesem Wahnwitz muss angemerkt werden, dass der Einsatz von Atomwaffen zwar als militärisches Mittel auf beiden Seiten geplant war, aber letztlich als Mittel der Politik diente. So paradox es klingt, die Existenz der Atomwaffe hat den Frieden erhalten.

Mit Beginn der 1980er Jahre verfolgte allerdings auch die Militärführung der WVO das Ziel, atomare Kampfhandlungen auszuschließen. Ich persönlich zweifelte daher daran, dass die politische und militärische Führung in letzter Konsequenz zur Option einer nuklearen Kriegsführung greifen würde. Dennoch wurden von uns entsprechende Pläne erarbeitet.

Die sowjetischen Strategen berücksichtigten damals alle Eventualitäten eines möglichen Krieges, deshalb gingen sie in ihrer Zielplanung davon aus, die Vorrangziele entweder mit konventionellen Mitteln zu bekämpfen oder mit Atomwaffen zu vernichten. In den 1980er Jahren sah das Kriegsbild unverändert sowohl den allgemeinen Atomkrieg als auch den begrenzten Krieg in Europa vor. Die politischen und militärischen Eliten der Führungsmächte auf beiden Seiten verharrten bis zur Mitte der 1980er Jahre in diesen Positionen. Trotz vielfältiger Abkommen zur Reduzierung der Atomwaffenpotenziale war der Atomkrieg bis zum Ende des Ost-West-Konflikts im operativ-taktischen und strategischen Bereich eine Option.

Bei einem massierten Einsatz von Atomwaffen hätte sich die Lage auf dem Gefechtsfeld allerdings derart geändert, dass die gegeneinander kämpfenden Seiten ihre Kampffähigkeit völlig verloren hätten und eine Fortsetzung der Operation oder des Gefechts nicht mehr möglich gewesen wäre.

In der Zielplanungen der Raketentruppen der 1. Front, die aus den Raketeneinheiten der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) und den Verbänden der Militärbezirke der NVA hervorgegangenen waren, handelte es sich ausschließlich um die Bekämpfung militärischer Ziele. Dennoch war zu erwarten, dass die unvorbereitete und ungeschützte Zivilbevölkerung große Verluste erleiden würde. Schon mit Beginn des Krieges bestand also die Gefahr, dass bereits mit der Detonation der ersten US-Atommine im Atom-Minen-Gürtel unmittelbar entlang der Innerdeutschen Grenze, sich der Atomkrieg hätte zuspitzen können, und wegen des Automatismus in der Befehlskette zur Führung des 1. Kernwaffenschlages, nach meiner Kenntnis eine Begrenzung der Eskalation nur noch schwer möglich gewesen wäre.

Otmar Steinbicker: Es hieß damals, die sowjetischen Militärstrategen beabsichtigten nicht, wie die NATO-Strategen, die Atomwaffen als erste einzusetzen.

Siegfried Lautsch: Aufgrund der konventionellen Überlegenheit der WVO ist diese Verlautbarung durchaus plausibel, in der militärischen Logik allerdings fraglich.

Jedem Aggressor musste klar sein, dass er im Falle eines Angriffs auf die Sowjetunion oder anderer Mitglieder der WVO, einen vernichtenden Antwortschlag erhalten würde. Insofern wäre es verfehlt zu glauben, dass sich die sowjetischen Militärs auf ein Abenteuer einlassen würden und erst nach einem nuklearen Ersteinsatz der NATO reagiert hätten. Dies, weil für die Schlagkraft der nukleargestützten Streitkräfte gerade die ersten Minuten bedeutsam sind, um dem Gegner im Atomwaffeneinsatz zuvor zu kommen. Mit andern Worten: Die WVO verfügte ebenso über die Fähigkeiten zum entwaffneten Erstschlag gegen Vorrangziele des eurostrategischen NATO-Kernwaffenpotentials.

Die Planer der WVO gingen davon aus, dass ein nuklearer Schlagabtausch nur Minuten bis wenige Stunden dauern würde. Es wäre ein radioaktives Schlachtfeld übrig geblieben, bei dem es keine Sieger gegeben hätte. Deshalb macht es im Nuklearzeitalter auch keinen Sinn, den Krieg, wie noch vor mehr als 200 Jahren postuliert, als Mittel der Politik zu betrachten, sondern als Ergebnis des Versagens der Politik, der Vernunft und Moral.

Otmar Steinbicker: Welche Chancen für einen Sieg in einem solchen Krieg sahen Sie im Jahre 1983?

Siegfried Lautsch: Die detaillierte Ausarbeitung hatte damals einen überraschenden Makel: Scheinbar hatte der sowjetische Generalstab die NATO-Truppen und ihren Widerstand verkannt. Dabei muss den sowjetischen Offizieren durchaus bewusst gewesen sein, dass auch der Gegner über begabte und fantasievolle Truppenführer verfügt. Diese wären keineswegs bereit gewesen, unseren Armeen den Sieg zu überlassen. Allein deshalb wäre das Ziel, die niederländische Grenze in bis zu sieben Tagen zu erreichen, in der Praxis wohl illusorisch gewesen.

Otmar Steinbicker: Deshalb kam es in der Folgezeit zu einem Umdenken?

Siegfried Lautsch: In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre kamen beide Seiten zu der Erkenntnis, dass es einerseits eine glaubwürdige Abschreckung geben müsse, dass andererseits aber zugleich jede Art von moderner Kriegsführung eine nukleare Eskalation heraufbeschwören und das Überleben der Menschheit gefährden würde.

Otmar Steinbicker: Im Rückblick auf 1983: Wie groß war damals die Gefahr eines Krieges zwischen den beiden großen Militärblöcken?

Siegfried Lautsch: Angesichts der seit 1980 zunehmenden Konfrontation zwischen NATO und WVO war die Gefahr enorm groß. Neben der Gefahr, dass eine Seite bewusst angreifen würde, bestand auch noch die Gefahr, dass eine Seite irrtümlich oder durch Missverständnisse zur Auffassung kam, die andere Seite würde angreifen und präventiv handeln. Diese Problematik war vor allem bei einem irrtümlich angenommenen Atomwaffenangriff, zum Beispiel durch einen Fehler der Radar-bzw. Computersysteme gefährlich, weil dann gegebenenfalls binnen Minuten entschieden werden musste. Eine solche Fehlermeldung gab es ja im Oktober 1983 auf sowjetischer Seite. Damals half die Umsicht des diensthabenden Offiziers, Oberstleutnant Stanislaw Petrow. In dieser Situation wäre aber auch ein anderes Szenario bis hin zum irrtümlichen atomaren Gegenschlag denkbar gewesen.

Otmar Steinbicker: Zwischen 1983 und 1989 vollzog der Warschauer Pakt ebenso wie die NATO in der Einschätzung eines großen Krieges eine Kehrtwendung um 180 Grad. Auf einmal galt nicht nur der Atomkrieg als nicht überlebbar, sondern auch ein großer, weiträumig geführter konventioneller Krieg als existenzielle Gefährdung der europäischen Zivilisation. Wie kam es zu diesem jähen Umdenken?

Siegfried Lautsch: Während die Operative Planung für die 5. Armee 1983 noch unter dem Primat des Angriffs stand, zeigt die von 1985 bereits ein deutlich anderes Bild. Wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Stagnation im Ostblock seit Anfang der 1980er Jahre nahm innerhalb der politischen Führung der Sowjetunion die Einsicht in die Notwendigkeit eines Kurswechsels zu. In der Außenpolitik bestand der Kurswechsel darin, das Haushaltsdefizit der UdSSR durch eine strikte wechselseitige Abrüstung der Blöcke aufzufangen.

Die Veränderung im operativ-strategischen Denken von 1985 begann noch vor dem Amtsantritt Michail Gorbatschows. Die neuartige Verteidigungsplanung des sowjetischen Generalstabes basierte auf der Beurteilung der politischen und wirtschaftlichen Problematik im eigenen Machtbereich, vor allem auch auf den Ergebnissen des Krieges in Afghanistan, der erhebliche Kräfte und Mittel verschlang und nicht zuletzt auf die verhängten Wirtschaftssanktionen der USA gegen die Sowjetunion. Diese und andere Faktoren hatten zur Folge, dass die Sowjetunion zur Einschätzung kommen musste, keinen weiteren Krieg in Europa erfolgreich führen zu können. Darüber hinaus ist nicht auszuschließen, dass SED-Generalsekretär Erich Honecker seinen Einfluss geltend machte und von den sowjetischen Generälen forderte, die DDR unmittelbar an der Grenze zu verteidigen, um nicht das eigene Territorium in einem Krieg völlig preiszugeben.

Das Ziel der 5. Armee war 1985 im Unterschied zu 1983 nicht mehr der sofortige weitreichende Gegenangriff auf das Territorium der Bundesrepublik Deutschland, sondern nach erfolgreicher Abwehr in einer Grenzschlacht die Wiederherstellung des „Status quo ante“ an der innerdeutschen Grenze.

Otmar Steinbicker: Dabei blieb das Umdenken nicht stehen. Die Entwicklung ging später deutlich weiter.

Siegfried Lautsch: Ab Mitte der 1980er Jahre konnte die Spirale der gegenseitigen Drohungen durch politisches Handeln durchbrochen werden. Politische Verantwortung und diplomatische Mittel standen nunmehr im Vordergrund. Dazu gehörte unter anderem das Genfer Gipfeltreffen vom 19. bis 21. November 1985 zwischen US-Präsident Ronald Reagan und dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow, das eine Phase der Verständigung und des Ausgleichs einleitete.

Erster Höhepunkt war die Unterzeichnung des Vertrages über die Beseitigung aller Mittelstreckenraketen vom 18. Dezember 1987, auch als INF-Vertrag bekannt. Ferner verkündete Michail Gorbatschow am 7. Dezember 1988 auf der 43. UN-Vollversammlung in New York eine einseitige Abrüstungsinitiative mit den Worten: „Die Sowjetunion hat den Beschluss gefasst, ihre Streitkräfte zu reduzieren. In den nächsten zwei Jahren wird sich die zahlenmäßige Stärke um 500.000 Mann verringern, auch der Umfang der konventionellen Waffen wird wesentlich reduziert.“

Damit war beabsichtigt, die sowjetischen Truppen in der DDR um etwa 50.000 Mann und 5.000 Panzer zu verringern. Anfang 1989 verpflichtete sich die DDR-Regierung ihrerseits, einseitig ihre Streitkräfte ebenfalls um 600 Panzer und 500 Flugzeuge zu reduzieren. Diese Vorhaben entsprachen ganz der neuen Militärdoktrin der WVO, die im Mai 1987 vom Politisch Beratenden Ausschuss der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages in Berlin beschlossen wurde.

Entsprechend den Empfehlungen des sowjetischen Generalstabes und des Oberkommandierenden der Mitgliedstaaten des Warschauer Vertrages wurde die operative Planung der 1. Front unter Beteiligung der NVA der DDR im Jahre 1988 letztmalig geändert. Das östliche Bündnis reduzierte bereits seit 1988 seine Angriffsfähigkeit und verfolgte damit das Ziel, im Falle eines militärischen Konflikts im Rahmen einer Verteidigungsoperation, lediglich den „Status quo ante“, also die Wiederherstellung der ursprünglichen Grenzen zu erreichen und nicht wie vor 1985 den Feind auf dessen eigenem Territorium zu schlagen.

Die 5. Armee der NVA hatte nunmehr eine standhafte und aktive Verteidigung, angelehnt an ein dichtes tiefgestaffeltes Stellungssystem, zu gewährleisten, den Angriff abzuwehren und die gegnerische Gruppierung in einer Grenzschlacht zu zerschlagen. Die operative Planung von 1988 entsprach spiegelbildlich den General Defense Plans der alliierten Korps.

Die letzte operative Planung des Jahres 1988 verdeutlicht exemplarisch die sicherheitspolitischen Veränderungen im sowjetischen operativ-strategischen Denken. Sie war ein Paradigmenwechsel, ein Zeichen der Abkehr von einer offensiven hin zu einer defensiven Operationsführung und ein Argument für die Bereitschaft der Sowjetunion, ihre Streitkräfte auf dem Territorium der DDR drastisch zu reduzieren.

Mit der Erklärung der WVO in der Militärdoktrin von 1987, niemals und unter keinen Umständen militärische Handlungen gegen einen beliebigen Staat oder ein Staatenbündnis, und auch niemals als erste Atomwaffen einzusetzen, wurde zwar das System der wechselseitigen Nuklearabschreckung nicht aufgehoben, aber die Gefahr einer schnellen nuklearen Eskalation in Zentraleuropa verringert.

Leider ist dieser drastischer Wandel im operativ-strategischen Denken der Generalstäbe der WVO in der westlichen Öffentlichkeit nicht und selbst von den Militärexperten der NATO-Mitgliedstaaten kaum wahrgenommen worden. Gerade deshalb lege ich ja die Einsatzplanung der 5. Armee der NVA offen, um jahrzehntelange Spekulationen und irritierende Unterstellungen zu den Einsatzplanungen der WVO zu korrigieren. Ich habe diesen Paradigmenwechsel in meinem 2013 erschienenen Buch „Kriegsschauplatz Deutschland, Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA-Offiziers“, das vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr in Potsdam herausgegeben wurde, umfassend erörtert. Es wäre allerdings geradeso wichtig, dass auch die militärischen Planungen der NATO in dieser Zeit ebenso offengelegt werden.

Mir scheint dieser historische Rückblick von aktueller Bedeutung zu sein angesichts der zunehmenden Eskalation des politischen Konfliktes zwischen der NATO und Russland. Während der Kuba-Krise im Oktober 1962 gelang es praktisch in letzter Minute, einen Atomkrieg zu verhindern und das Säbelrasseln rechtzeitig zu beenden. Anschließend begann man, zuerst über Rüstungskontrolle und schließlich auch über Abrüstung nachzudenken und entsprechende Schritte zu gehen. Heute sollten wir beizeiten deeskalieren und wieder zu Rüstungskontrolle und Abrüstung zurückkehren, sowohl bei Atomwaffen als auch bei konventionellen Waffen.

Otmar Steinbicker: Von Michail Gorbatschow sind Aussagen überliefert, wonach die Anfang der 1980er Jahre besonders starke Friedensbewegung im Westen und die von ihr vehement geführte Diskussion über die Gefahren eines Atomkrieges zum Umdenken im Osten beigetragen hatte. Spielte dieser Aspekt auch für die Militärs eine Rolle?

Siegfried Lautsch: Dieser Aspekt mag in der Politik eine Rolle gespielt haben. Für uns Militärs war hingegen die Erkenntnis bestimmend, dass angesichts der verheerenden, die Existenz der Menschheit gefährdenden Atomwaffen und angesichts der enormen Verluste der Sowjetarmee im Afghanistankrieg, der ja nicht nur Soldaten und zivile Bürger tötete, sondern auch die sowjetische Wirtschaftskraft nachhaltig schwächte, der moderne Krieg eben keine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, sondern eine Illusion, und wohl eher das Versagen der Politik. Denn in einem großen Krieg wird es weder Sieger noch Besiegte geben. Ich wiederhole mich, letztlich sind alle Beteiligten nur Verlierer.

Otmar Steinbicker: Welche militärischen Konsequenzen galt es damals aus dieser Erkenntnis zu ziehen, dass zumindest ein großer Krieg in Europa, aber auch ein Krieg in Afghanistan nicht mehr zu gewinnen war?

Siegfried Lautsch: Die Erfahrungen des Ost-West-Konflikts lehren, dass ein immer höheres Niveau der Parität, kein Mehr an Sicherheit schafft. Deshalb beabsichtigte die WVO nach 1985, Anstrengungen zu unternehmen, um das militärische Kräftegleichgewicht auf immer niedrigerem Niveau zu wahren.

Die numerische Gegenüberstellung von nukleargestützten und anderen Waffensystemen ist eine mathematische Größe, die Politik und Militärs beeindruckten. Es stellt sich aber die Frage: Welchen Sinn ergibt eine ständige qualitative und quantitative Verbesserung der Waffensysteme. wenn schon ein Bruchteil des Einsatzes dieser Massenvernichtungswaffen im eng besiedelten Deutschland und in den europäischen Staaten mit unübersehbaren Folgen für die Bevölkerung, die Wirtschaft und Infrastruktur verbunden gewesen wäre?

Jedes prognostizierte oder eingeführte Waffensystem der einen Seite fordert die andere Seite heraus, entweder dazu ein Abwehrsystem zu entwickeln oder ein vergleichbares, eher verbessertes System folgen zu lassen. Militärische Sicherheit wird eben nicht dadurch erlangt, dass beide Seiten über die gleiche Art und Anzahl von nuklearen oder konventionellen Waffen verfügen.

Otmar Steinbicker: Gilt diese Erkenntnis aus der Zeit von Mitte bis Ende der 1980er Jahre auch heute noch?

Siegfried Lautsch: Ja, unbedingt. In einem großen, raumgreifenden Krieg in Europa würde die europäische Zivilisation zerstört werden, selbst dann, wenn man sich bemühen würde, einen konventionellen Krieg nicht zu einem Atomkrieg eskalieren zu lassen.

Im Ergebnis der Betrachtung über die Folgen des Einsatzes von Atomwaffen gib es für eine nüchtern denkende Staatsführung nur die Alternative, alles zu tun, um einen Krieg im Nuklearzeitalter zu verhindern. Spät aber nicht zu spät hatten in den 1980er Jahren die Politik und das Militär in Ost und West erkannt, dass ein „moderner Krieg“ keinen Sinn macht und es nur Verlierer geben würde. Dabei ist die Gefahr eines Atomkrieges, der von verschiedenen Mächten noch immer geplant wird, aber nicht gewollt ist, auch in der Gegenwart nicht gänzlich gebannt.

Was den Afghanistan-Krieg angeht, so hatten sowjetische Militärs frühzeitig darauf hingewiesen, dass es sich in Afghanistan um einen politischen Konflikt handelte, der mit militärischen Mitteln nicht zu lösen wäre. Die sowjetische Führung unter Breschnew beschloss dennoch, Soldaten in den Krieg zu schicken und die späteren Führungen zögerten, den Krieg schnellstmöglich zu beenden. Unter Gorbatschow war dann eine Situation erreicht, in der der sowjetischen Bevölkerung eine Fortführung des Krieges nicht mehr zuzumuten und auch nicht mehr zu vermitteln war.

Was die Warnungen von Militärs angeht, dass es sich in Afghanistan um einen politischen Konflikt handelt, der mit militärischen Mitteln nicht zu lösen ist, so kenne ich solche Aussagen auch von Offizieren der Bundeswehr. Hier zögert die Bundesregierung noch immer, die nötigen Konsequenzen zu ziehen.

Otmar Steinbicker: Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Auflösung des Warschauer Pakts war die Debatte um einen großen Krieg in Europa fürs erste beendet. Sie wurden 1990 als Offizier in die Bundeswehr übernommen. Was war das für Sie für ein Gefühl, in der Armee des einstigen möglichen Kriegsgegners zu dienen?

Siegfried Lautsch: Der Kalte Krieg wurde beendet. Hier sei auf den Zusammenhang hingewiesen, dass nicht die Politik, sondern die Bürger der DDR den Konflikt beendeten und der etablierten Politik in Ost und West das „Laufen“ gelernt haben. Es gibt also immer die Möglichkeit, Unsinniges von Sinnigem zu trennen, wenn wir uns auf die Vernunft stützen.

Das war das Happy End des 20. Jahrhunderts. Der so genannte Eiserne Vorhang fiel, die Menschen in beiden Teilen Deutschlands lagen sich in den Armen und glaubten die Kriegspsychose zwischen den Staaten beider Himmelsrichtungen sei beendet.

Als Offizier der Bundeswehr übernahm ich verantwortliche Aufgaben in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Diese Arbeit hielt und halte ich für sehr sinnvoll.

Otmar Steinbicker: Während Ihres Studiums an der sowjetischen Frunse-Militärakademie zählte zu Ihren Studienkollegen, Waleri Wassiljewitsch Gerassimow, der heutige Generalstabschef der russischen Streitkräfte. Sie haben sicherlich aufgrund Ihrer gemeinsamen Ausbildung und in Kenntnis der Veränderungen der Militärdoktrin ab 1985 eine Vorstellung davon, wie die russische Generalität heute denkt. Ist aus deren Sicht ein Atomkrieg heute überlebbar und damit gewinnbar oder ein großer, weiträumig geführter konventioneller Krieg? Welche Bedeutung haben die Antworten auf diese Fragen für die russische Militärdoktrin?

Siegfried Lautsch: Armeegeneral Gerassimow ist ein paar Jahr jünger als ich. Er hat von 1984 bis 1987 an der Schwester-Akademie, der Malinowski-Militärakademie der Panzertruppen studiert. Ich gehe davon aus, dass die heutige Generation der russischen Militärführung die Lektion aus den 1980er Jahren gelernt hat. Insofern kann es meines Erachtens auf russischer Seite kein Interesse an einem großen Krieg in Europa oder mit den USA geben.

Otmar Steinbicker: Dennoch wird auch die russische Generalität militärische Pläne für den Konfliktfall entwerfen so wie Sie es 1983, 1985 und 1988 getan haben. Wie dürften diese Pläne aussehen?

Siegfried Lautsch: Ich kenne diese Pläne nicht, insofern kann ich sie nicht beurteilen. Ich kann mir lediglich vorstellen, dass im Konfliktfall eher mit elektronischen Mitteln, der Elektronischen Kampfführung und mit dem Einsatz einer möglichst geringen Zahl von Spezialkräften und völlig neuen Methoden der Kriegführung versucht werden wird, den Gegner sehr frühzeitig am Erreichen seiner Ziele zu hindern. Diese Maßnahmen würden jederzeit zulassen, den militärischen Konflikt wieder zu deeskalieren und auf keinen Fall eine Eskalationsspirale zu befeuern. Das scheint mir eher zielführend zu sein. Die russischen Streitkräfte sind zur asymmetrischen Kriegsführung, zur schnellen Mobilisierung von Truppenstärken und zur Verlegung von Truppenkontingenten über große Entfernungen befähigt. Russland ist bereits jetzt in der Lage, durch Anti-Access/Area-Denial-Systeme (A2/AD), gegnerische Luftstreitkräfte, moderne Raketensysteme, Schiffe aber auch Kampfgebiete abzuschirmen und den mutmaßlichen Operationsraum für Kräfte und Mittel der NATO unzugänglich zu machen.

Otmar Steinbicker: Heute stehen in den baltischen Staaten und in Polen NATO-Truppen und auch Bundeswehreinheiten an den Grenzen Russlands. Russische Jagdbomber fliegen Manöver über der Nordsee. Droht ein ernsthafter Krieg oder ist das nur beiderseitiges „Säbelrasseln“?

Siegfried Lautsch: Ich sehe derzeit vor allem ein „Säbelrasseln“. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass eine der beiden Seiten ernsthaft einen Krieg herbeiführen will. Solches „Säbelrasseln“ birgt aber immer auch die Gefahr in sich, dass es zu konfrontativen Situationen kommt, die dann durch Missverständnisse und Fehlinterpretationen der jeweils gegnerischen Aktionen zu ernsthaften militärischen Zusammenstößen führen könnte.

Otmar Steinbicker: Sie führten im vergangen Jahr Offizierweiterbildung beispielsweise im Kommando Heer in Berlin-Strausberg und in der Panzerbrigade 12 in Amberg durch. Was ist war Ihr Rat an die Offiziere für das Einsatzkontingent in Litauen?

Siegfried Lautsch: Vor allem nicht zu provozieren und sich auch nicht provozieren zu lassen.

Mein Rat war, sorgen Sie sich um Sicherheit und Entspannung und helfen sie mit, vernünftige Sicherheitsstrukturen zu schaffen. Und den Aufklärern im Kommando Ost habe ich versucht, klar zu machen, dass nicht immer das eigene operative Denken zielführend ist, sondern dass es vor allem darauf ankommt, einschätzen zu können, welche Schlüsse der vermeintliche Gegner ziehen und wie er die Intentionen des Opponenten wahrnehmen kann.

Otmar Steinbicker: Als Begründung für den NATO-Einsatz wird die Angst der baltischen Staaten vor einer Invasion Russlands angeführt. Die baltischen Staaten berufen sich dabei auf historische Erfahrungen wie die sowjetische Besatzung nach dem Hitler-Stalin-Pakt. Passt der historische Vergleich? Wie berechtigt ist diese Angst?

Siegfried Lautsch: Aufgrund der historischen Erfahrungen mag man diese Angst nachvollziehen. Allerdings sehe ich für die russische Seite keine militärische Logik, die zu einer Invasion motivieren könnte. Da gäbe es nichts zu gewinnen, wohl aber viel zu verlieren. Eine Invasion in die baltischen Staaten würde für Russland keinen politischen Sinn ergeben. Leider wird im Westen oft ein Bild von Putins Unberechenbarkeit verfestigt. Nach meinem Verständnis ist Putin ein Mann, der in historischen und strategischen Dimensionen denkt. Russland erachtet es als legitim, seine Streitkräfte oder sonstige Truppen zum Schutz seiner sich außerhalb des Landes aufhaltenden Staatsbürger im Einklang mit dem Völkerrecht einzusetzen. Die Worte sind doch deutlich oder? Mit anderen Worten: Werden die Grundsätze und Normen des Völkerrechts gegenüber den russischen Bürgern im Baltikum eingehalten, dann werden Bürger, auch unterschiedlicher Nationalität gut zusammenleben können.

Otmar Steinbicker: Für Stalin war die Invasion der baltischen Staaten ein Versuch, die sowjetische Grenze nach Westen zu verschieben und im Kriegsfall für Hitler den Weg nach Moskau zu erschweren.

Siegfried Lautsch: Ja, aber das hat schon zu Kriegsbeginn nicht wirklich funktioniert und bis heute haben sich die Kriegsführungsszenarien völlig geändert. Zudem sind die baltischen Staaten Mitglieder der NATO. Polen und Balten können sich auf das Beistandsversprechen nach Artikel 5 des NATO-Vertrages stützen. Nennen Sie mir einen vernünftigen Grund, warum Russland eine militärische Konfrontation mit der NATO suchen könnte? Wenn die baltischen Staaten als NATO-Verbündete und Russland Sicherheit voreinander haben wollen, dann kann diese Sicherheit nur politisch und nicht militärisch erreicht werden.

Otmar Steinbicker: Die NATO benennt Russlands Annexion der Krim und die anhaltenden Kriegshandlungen in der Ostukraine als Bedrohungsszenario auch für die baltischen Staaten. Gibt es Parallelen in den Szenarien angesichts der Situation der russischen Minderheiten in den baltischen Staaten?

Siegfried Lautsch: Die Krim hatte und hat mit ihrem Kriegshafen Sewastopol eine unerlässliche militärstrategische Bedeutung für die russische Kriegsflotte. Nach dem erfolgreichen Putsch in Kiew musste Putin fürchten, dass die NATO danach trachtete, diesen Kriegshafen unter ihre Kontrolle zu bringen. Das konnte er aus geostrategischen Gründen nicht zulassen. Vergleichbares würde auch der Westen nicht zulassen. Die USA sind übrigens nicht einmal bereit, ihren Stützpunkt in Guantanamo auf Kuba zu räumen, obwohl dieser keine auch nur annähernd vergleichbare militärstrategische Bedeutung hat wie die Krim.

Otmar Steinbicker: Wie ist die russische Sicht auf die Spannungen im Baltikum? Gibt es dort ebenfalls Bedrohungsängste?

Siegfried Lautsch: Russland hat 1991 die Unabhängigkeit der baltischen Staaten anerkannt und erkennt sie weiterhin an. Russland möchte allerdings nicht, dass die NATO diese Staaten zu möglichen militärischen Ausgangsräumen für einen Krieg gegen Russland macht. Die UdSSR hatte zum Beispiel in Litauen einen damals hochmodernen militärischen Flughafen fertiggestellt, der eine zentrale Rolle in einem möglichen Luftkrieg zwischen der UdSSR und der NATO gespielt hätte. Solange die litauische Luftwaffe diesen Flughafen nutzt, dürfte Russland darin keine Bedrohung sehen. Das könnte sich allerdings dann ändern, wenn die NATO diesen Flughafen voll übernimmt und dort weitere Waffensysteme stationiert, die Moskau bedrohen könnten. Bereits jetzt wird der Flughafen Siauliai als Basis für die Luftraumüberwachung der drei baltischen Staaten durch Kampfflugzeuge der NATO-Partner frequentiert.

Wenn die legitimen Interessen aller Beteiligten nach Sicherheit anerkannt werden, dann kann man zu beiderseitig sinnvollen Lösungen kommen. Mit „Säbelrasseln“ auf beiden Seiten kommt man nicht zu solchen Lösungen, sondern eskaliert nur den Konflikt.

Otmar Steinbicker: Kann die angespannte Situation an den Grenzen der baltischen Staaten zu Russland – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in einen militärischen Konflikt und womöglich in einen Krieg zwischen NATO und Russland eskalieren?

Siegfried Lautsch: Man kann nur auf die Vernunft und Einsicht der verantwortlichen Politiker auf beiden Seiten hoffen. In einem solchen militärischen Konflikt gäbe es keine Gewinner, sondern nur Verlierer. Ich bin Optimist und erwarte, dass sich die Vernunft durchsetzt. und dass zumindest die politische und militärische Führungsriege aller Beteiligten die möglichen Gefahren richtig einordnen können.

Otmar Steinbicker: Wie könnte eine politische Lösungsperspektive des Konflikts zwischen Russland und der NATO aussehen und welche militärischen Konsequenzen müssten daraus auf beiden Seiten gezogen werden?

Siegfried Lautsch: Eine Lösungsperspektive ließe sich dann eröffnen, wenn man zurückkehrt zu den Erkenntnissen am Ende des Ost-West-Konflikts, dass nur Entspannungspolitik Frieden und gegenseitige Sicherheit schaffen kann. Die politisch-militärische Konsequenz kann daher nur lauten: Der einzig gangbare Weg zu mehr Sicherheit ist neben weltweiter Rüstungsbegrenzung, die Abrüstung und letztlich die Abschaffung von Atomwaffen. Solange Atomwaffen existieren und durch Proliferation die Zahl von Atommächten noch zunimmt, solange ist die Gefahr von Atomkriegen nicht gebannt.


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