Otmar Steinbicker

Gespräche zwischen USA und Taliban werfen neue Fragen auf

13. Januar 2012

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Die Vorgänge um die Gespräche zwischen USA, Deutschland und anderen auf der einen und Taliban auf der anderen Seite werfen nach wie vor viele Fragen auf. Dort, wo ein Schimmer Licht in die Dunkelheit fällt, stellen sich gleich neue, weitere Fragen.

Absolut ungewöhnlich ist die Geschwätzigkeit, mit der ansonsten so diskret im Hintergrund agierenden Diplomaten die Medien über den angeblichen Verlauf der vorsichtigen Annäherungsversuche durch Gespräche auf dem Laufenden halten. Dabei ist ja die inzwischen öffentlich gemachte Kontaktaufnahme über den ehemaligen Sekretär von Mullah Omar Taib (auch Tayyeb) Agha alles andere als neu. Insidern war dieser Kontakt seit mindestens zwei Jahren bekannt. Zweifel daran, dass dieser Taib Agha ernsthaften Einfluss bei den Taliban habe, gab es damals nicht nur bei den Beobachtern, sondern auch bei den Diplomaten. Wer Taib Agha stärkeren Einfluss zuschreiben will, der kann heute immerhin darauf verweisen, dass die Taliban ihn mit der Verhandlungsführung bei Gefangenenaustauschen betraut haben. Das war so im Zusammenhang mit der Freilassung der beiden französischen Geiseln im vergangenen Jahr und das ist aktuell so bei den Gesprächen um eine Freilassung von Taliban-Gefangenen aus Guantanamo. Aber hat Taib Agha nur ein Mandat für Gespräche über Gefangene oder hat er auch in anderen Fragen mitzureden?

Immerhin haben sich die Taliban inzwischen deutlich dazu bekannt, Friedensgespräche führen zu wollen. Das ist ein sehr wichtiger Schritt! In ihrer englischsprachigen Pressemitteilung vom Donnerstag (12.01.2012) sprechen sie davon, im Interesse von Frieden und Stabilität für Afghanistan Anstrengungen unternehmen zu wollen, um zu einer gegenseitigen Verständigung mit der Welt zu kommen und die derzeitige Situation zu lösen.

Das klingt natürlich alles noch sehr, sehr allgemein, aber immerhin: es ist von gegenseitiger Verständigung (mutual understanding with the world) die Rede, nicht vom einseitigen Beharren auf der Durchsetzung eigener Ziele. Was das konkret heißt, wird sich natürlich erst noch zeigen müssen.

Und noch eines ist neu: in der gleichen Presserklärung ist erstmalig von einem politischen Flügel (political wing) der Taliban die Rede. Hat bei der Wahl dieser Bezeichnung eventuell ein Blick nach Nordirland eine Rolle gespielt? Dort hatte die Herausbildung eines politischen Flügels der IRA in Gestalt der Sinn Fein-Partei eine wichtige Rolle bei der erfolgreichen Suche nach einer Friedenslösung gespielt! Auch für eine Friedenslösung in Afghanistan wäre es wichtig, dass sich die derzeit militärisch agierende Taliban-Bewegung in eine politische Partei umformt, die mit friedlichen Mittel versucht, ihre politischen Ziele durchzusetzen.

Aber welche politischen Ziele hat die Taliban-Bewegung? Eine Wiederauflage der Schreckensherrschaft vor 2001? Es gibt viele Hinweise darauf, dass die Taliban davon abgekehrt sind. Aber welche Ziele streben sie dann an? Das ist wohl eine der derzeit wichtigsten offenen Fragen! Von Interesse wäre natürlich auch zu wissen, welchen Einfluss hat dieser politische Flügel und welche Personen bilden ihn, denn diese Personen wären sinnvollerweise die richtigen Verhandlungspartner der westlichen Diplomaten, ungeachtet möglicher anderer neutraler Vermittler. Gehören Taib Agha und seine Freunde aus der exilafghanischen Ex-Taliban-Szene aus Katar zu diesem politischen Flügel? Oder spielen diese nur eine Nebenrolle im Hinblick auf die Gespräche über Gefangenenaustausch?

Die Fragen an die westliche Diplomatie sind nicht weniger! Wer im Dezember den heftigen Streit zwischen US-Vizepräsident Joe Biden und Verteidigungsminister Leon Panetta in der Afghanistan-Frage beobachtet hat, der weiß, dass es da einen politischen und einen militärischen Flügel gibt, aber welcher hat die Oberhand? Und welche Zielstellung haben die USA und ihre Verbündeten für ein Afghanistan nach dem Abzug der internationalen Truppen? Gibt es bei ihnen überhaupt die Bereitschaft zu einer gegenseitiger Verständigung, wie sie die Taliban zumindest verbal erklären?

Der US-Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, Marc Grossman, will in wenigen Tagen nach Afghanistan reisen. Dort wird er mit Afghanistans Präsidenten Hamid Karzai sprechen. Was wird er ihm sagen, dass er Karzai im Amt halten will, was eine gegenseitige Verständigung mit den Taliban ausschlösse? Oder wird er ihm sagen, dass eine Ablösung Karsais und seine Ersetzung durch eine Übergangsregierung nötig ist, um zu einer gegenseitiger Verständigung mit den Taliban zu kommen? Und wird Marc Grossman nur mit Karzai sprechen? Oder auch mit anderen Politikern? Oder gar mit Angehörigen der afghanischen Zivilgesellschaft?

Sind das zu viele Fragen angesichts eines noch sehr vorsichtigen und heiklen Prozesses des gegenseitigen Beschnupperns von USA und Taliban? Vielleicht, aber angesichts der massiven Öffentlichkeitsarbeit beider Seiten dürften schon diese Fragen bei der Beurteilung von Ernsthaftigkeit helfen, ehrliche und umfassende Antworten beider Seiten umso mehr.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Otmar Steinbicker

Die Konfrontation in und um die Ukraine nimmt zu

System kollektiver Sicherheit löst Konflikte und verhindert Krieg

Politische Vernunft muss jetzt die Logik des Kalten Krieges brechen!

Gibt es Krieg um die Ukraine?

Die Situation in der Ukraine besorgt mich

Braucht Deutschland eine Friedenspartei?

Nicht nur Friedensfreunden dürfte es bei den Reden in München mulmig geworden sein

Stehen wir vor einem neuen Militärabenteuer in Afrika?

Die Sumpfpflanze Al Kaida wächst überall dort, wo der Krieg einen Morast hinterlassen hat

Sicherheitspolitik im Koalitionsvertrag: Viele Sprüche, die von der Realität längst überholt sind

Vor 25 Jahren: Yüksel Seleks schwierige Heimkehr in die Türkei

Afghanistan vor dem Abzug der NATO-Kampftruppen 2014

Der Iran akzeptiert Kontrollen durch die Atomenergiebehörde. Der Westen sollte das honorieren.

Friedensbewegung kann und muss an die Erfahrungen der 1980er Jahre anknüpfen!

Der Friedensnobelpreis an die OPCW ist ein Signal für einen Paradigmenwechsel

Räumung des Feldlagers: Kundus steht als Synonym für das Scheitern der deutschen Afghanistanpolitik und des Krieges

In der Nacht zum 1. September stand die Welt vor dem Abgrund eines neuen Krieges

Was bedeutet der Paradigmenwechsel in der internationalen Diplomatie für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik?

Rot-Rot-Grün in der Außen- und Sicherheitspolitik geht gar nicht – wirklich nicht?

Eskalation diplomatischer Lösungen statt Eskalation des Krieges?

Syrien-Konflikt: Durch sein Zögern gewinnt Obama Zeit, in der verhandelt werden muss

Ein Militärschlag wäre die diplomatische Bankrotterklärung der USA

Die Hoffnungen auf Deeskalation und Frieden für Syrien liegen jetzt bei der UNO

Die Bilanz des Afghanistan-Krieges sollten wir reflektieren, wenn wir über einen Kriegseinsatz der NATO gegen Syrien nachdenken

Die Bundesregierung muss weiter zur Deeskalation des Syrien-Konflikts beitragen!

Was soll eine Armee tun, die unser Land nicht mehr verteidigen kann und muss?

Bombardierte Netanjahu in Syrien die Arabische Friedensinitiative?

Wann der nächste deutsche Soldat in Afghanistan sinnlos stirbt, ist lediglich eine Frage der Zeit

Wer im Nahen Osten Frieden will, muss jetzt Hoffnung säen und Realismus zeigen

Kampfdrohnen setzen die Hemmschwelle zur militärischen Gewaltanwendung deutlich herab

Gedanken zum Tage: Ein ganz normaler Tag im Krieg

50 Jahre nach dem Élysée-Vertrag: Herausforderungen für die deutsche und französische Friedensbewegung

Gedanken zum Tage: Ein ganz normaler Tag im Krieg

Barack Obamas neue Männer: Nur andere Gesichter oder auch eine andere Politik?

Antwort auf eine Frage von Neues Deutschland

Stolpert Deutschland in den nächsten Krieg?

Stimmen Sie gegen die Entsendung von Bundeswehrsoldaten in die Türkei

Was Afghanistan jetzt braucht, ist eine politische Lösung

Stolpert Deutschland in den nächsten Krieg?

Stimmen Sie gegen die Entsendung von Bundeswehrsoldaten in die Türkei

Was Afghanistan jetzt braucht, ist eine politische Lösung

Patriot-Raketen-Stationierung: Bündnisverpflichtung oder Eskalationsrisiko eines großen Krieges?

Bundesregierung legt Rückschrittsbericht zu Afghanistan vor

Waffenstillstand – Wie weiter?

Der Waffenstillstand wird kommen

Deutschland im Gaza-Konflikt – Diplomatischer Bankrott

Waffenstillstand oder Bodenoffensive? Israels Ministerpräsident ist in der Zwickmühle

Geht es Netanyahu wirklich um die Raketenabschüsse?

Petraeus größter Fehler war nicht seine Affäre, sondern seine Afghanistan-Strategie

Die wichtigsten Zeitungen der USA schlagen eine Friedenslösung mit den Taliban vor

Die NATO muss jetzt jetzt die Türkei zügeln!

Plant die Bundeswehr einen Einsatz in Afghanistan über 2020 hinaus?

US-Truppenverstärkung aus Afghanistan abgezogen – So klug als wie zuvor?

Die NATO ist nach Insider-Attacken mit ihrer Strategie in Afghanistan am Ende

Benjamin Netanjahus Säbelrasseln hinterlässt auch bei vielen Israelis blankes Entsetzen

Gibt es noch eine Chance für Gespräche mit den Taliban?

Die Taliban wissen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können

Ist ein Ende der Gewalt in Syrien mit nichtmilitärischen Mitteln denkbar?

NATO-Gipfel zielt auf failed state Afghanistan

Hollandes Tage der Wahrheit

Obama in Kabul: Nach dem Wahlkampf in den Bürgerkrieg?

Eine neue Runde im atomaren Rüstungswettlauf ist eingeläutet

Taliban-Offensive - Wer stoppt jetzt die Logik des Krieges?

Grass nach dem Hype - Was bleibt?

Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben

Hektische Diplomatie um Afghanistanabzug zeigt Konzeptionslosigkeit

Die Zeit drängt, eine diplomatische Lösung im Atomkonflikt zu finden

NATO-Einsatz in Afghanistan: Das Spiel ist aus, wir gehen nach Haus?

Keine politische Lösung für Afghanistan ohne Waffenstillstand!

Israels Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten gefährdet eine Zwei-Staaten-Lösung

Gespräche zwischen USA und Taliban werfen neue Fragen auf

Das Taliban-Büro in Katar eine NATO-Idee?

Nur eine neutrale Übergangsregierung kann in Afghanistan einen Bürgerkrieg verhindern

Loya Jirga statt Loya Jirga

Europa hat für Afghanistan kein Konzept

Shorish-Plan kann Afghanistan den Frieden bringen

Wie wird sich Afghanistan nach dem Abzug der internationalen Truppen 2014 entwickeln?

Stirbt mit Rabbanis Tod die Hoffnung auf Versöhnung?

Taliban signalisieren Verhandlungsbereitschaft - und die NATO?

Eine Petersberg-Konferenz ohne Taliban ist sinnlos

Debatte über Abzug aus Afghanistan: USA blamieren Deutschland

Nach Osamas Tod muss der Krieg in Afghanistan beendet werden

Bin Ladens Tötung - ein Signal für den Frieden?

Ist weltweiter Frieden möglich in einem kapitalistischen System – Ein Gespräch mit Otmar Steinbicker

Obama tötet seinen Kronzeugen

Obamas Rochade

Ein deutscher Sonderweg für Afghanistan! - Rede auf der Ostermarschkundgebung in Saarbrücken am 23.04.2011

Wenn es der Bundesregierung mit ihrer Kriegsverweigerung ernst ist, muss sie in Afghanistan Konsequenzen ziehen(20.03.2011)

Auf dem Weg in den nächsten Krieg? (08.03.2011)

Brauchen wir noch die Bundeswehr und wenn ja wofür? Darüber muss debattiert werden! (Aachener Nachrichten, 05.03.2011)

Hat Gaddafi von der NATO abgekupfert? (04.03.2011)

Verhandlungen in Afghanistan - Die realistischere Alternative
Informationsblatt (Bund für soziale Verteidigung)

Im zehnten Kriegsjahr ist der Westen von einem militärischen Sieg weiter entfernt als je zuvor (Aachener Nachrichten, 24.01.2011)

Warum die NATO im 21. Jahrhundert keinen Sinn mehr macht (Aachener Nachrichten, 26.11.2010)

Eine Verhandlungslösung für Afghanistan scheint möglich - Ein Beitrag für Friedensforum (Ausgabe 6/2010)

Verhandlungen mit den Taliban: Kommt jetzt Realismus in die Afghanistan-Debatte? (Aachener Nachrichten, 07.10.2010)

Verwirrende Signale um weiteren Afghanistan-Kurs (Aachener Nachrichten, 16.08.2010

Rede zur Nacht der 100.000 Kerzen in Würselen, 05.08.2010

8. Mai - Afghanistan - Rückblick auf einen verlorenen Krieg. Rede bei der Gedenkkundgebung in Würselen am 8. Mai 2010

Pläne für Großoffensiven in Afghanistan stoßen auf Widerspruch (26.04.2010)

Der Tod der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan hätte verhindert werden können (15.04.2010)

Die internationale Gemeinschaft steht in Afghanistan vor einem Scheideweg (Aachener Nachrichten, 20.03.2010)

Begründete Hoffnung auf zivile Konfliktbearbeitung in Afghanistan (Shalom-Brief 57, März 2010)

Afghanistan - Verhandeln statt Schießen (pax zeit 1/März 2010)

Der Konflikt in Afghanistan und gesellschaftliches Engagement - erschienen in: BBE-Newsletter 2/2010

Kommentar: Wozu soll eine Bundeswehr dienen, die nicht der Verteidigung dient? (Aachener Nachrichten, 06.02.2010)

Kommentar: Die 'Kommunikationskanäle zu den Taliban nutzen (Aachener Nachrichten, 23.12.2009)

Kommentar: Neue US-Strategie für Afghanistan: Bundeswehrsoldaten als Zielscheiben? (Aachener Nachrichten, 11.11.2009)

Kommentar: Die Entscheidung für einen Abzug aus Afghanistan muss jetzt schnell fallen (Aachener Nachrichten, 17.09.2009)

Die erste Bresche im Eisernen Vorhang, Reportage vom 19.08.1989 in Ungarn

Kommentar: Warum geht die Bundesregierung nicht auf die afghanische Friedens-Jirga zu?

Krieg ist „ultima irratio“: Sicherheit gemeinsam gestalten

Gewalt beim Nato-Gipfel: Der Einsatz der Polizei wirft eine Reihe von Fragen auf

Zur Organisation der Anti-NATO-Proteste

Die Bundesregierung muss sich in Afghanistan vom Krieg der USA abnabeln

Iran - Sicherheitsgarantien statt Abschreckungslogik (Aachener Nachrichten, 22.12.2007)