Otmar Steinbicker

Vor 25 Jahren: Yüksel Seleks schwierige Heimkehr in die Türkei

10.12.2013

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Auf den Tag vor 25 Jahren kehrte die heutige Ko-Vorsitzende der Grünen Partei der Türkei, Yüksel Selek, aus dem Duisburger Exil in die Türkei zurück. Auf dem Flughafen in Istanbul wurde sie unmittelbar neben mir verhaftet. Sie hatte mir eine Minute zuvor noch einen großen Blumenstrauß in die Hand gedrückt: Gib ihn meiner Tochter, sie wartet auf mich!

Zum ersten Mal gesehen hatte ich Yüksel Selek am Vormittag dieses 10.12.1988 im Frankfurter Flughafen. Türkische Emigranten verabschiedeten sie mit einem großen Blumenstrauß. Sie gehörte zu einer Gruppe von türkischen Demokraten im Exil, die am Tag der Menschenrechte die damaligen Demokratieversprechungen der türkischen Regierung auf ihre Glaubwürdigkeit testen wollten und mit Flugzeugen aus Frankfurt, London und Kopenhagen nach Istanbul starteten.

Parlamentarier und Journalisten aus mehreren Ländern begleiteten die mutigen Rückkehrer. Im Flugzeug kam ich mit ihr ins Gespräch. Sie musste nach dem Militärputsch vom 12.9.1980 aus der Türkei fliehen. Ihr Verbrechen: Sie war Vorstandsmitglied des Progressiven Frauenverbandes und Mitglied des Friedensvereins. Auch ein türkischer Kollege wollte sie sprechen, drückte mir seine Kamera in die Hand und bat mich, ein Foto von den beiden aufzunehmen. Es erschien auf Seite 1 der großen liberalen Zeitung Miliyet.

Milliyet, 12.12.1988, S. 1

Beim Landeanflug auf Istanbul sprach ich mit Yüksel Selek über das, was auf sie zukommen würde. Sie rechnete damit verhaftet zu werden und sie fürchtete, gefoltert zu werden. Als wir uns nach der Landung dem Ausgang der Maschine näherten, drückte sie mir den Blumenstrauß in die Hand. Dann ging alles sehr schnell. Ein Blitzlichtgewitter von Fotografen empfing uns und ehe ich mich versah, war sie von meiner Seite weg und durch eine kleine Nebentür gezogen worden. Dass es sich bei den Fotografen nicht um Journalisten handelte, sondern offensichtlich um Geheimdienstleute, erfuhren wir wenig später im Flughafengebäude, wo Journalisten aller wichtigen Zeitungen der Türkei auf uns warteten. Yüksel Seleks Tochter weinte, als ich ihr den Blumenstrauß überreichte und ihr die Grüße ihrer Mutter ausrichtete.

Zwei Tage später, am Montag, sah ich Yüksel Selek wieder – auf dem Flur eines Gerichts. Ihre Anwälte verbreiteten Optimismus, dass sie freigelassen werden könnte. In unserem Gespräch auf dem Flur wirkte sie wesentlich entspannter als im Flugzeug. Sie war nicht gefoltert worden und bei aller Ungewissheit musste sie nicht mehr mit dem Schlimmsten rechnen. Doch dann fällte das Gericht seine Entscheidung: Yüksel Selek wurde gemeinsam mit einem weiteren Rückkehrer im Gerichtsflur erneut festgenommen. Ich sah die Enttäuschung in ihrem Gesicht. Freundinnen überreichten ihr einen Strauß roter Nelken. Dann ging Yüksel Selek festen Schrittes durch das Gerichtsgebäude zum Polizeiauto, das sie ins Gefängnis bringen sollte. Die Szene glich eher einem Triumpfzug als einer Niederlage. Aus dem Rückfenster des Polizeiautos grüßte sie mit dem V-Zeichen der Siegesgewissheit.

Foto: Otmar Steinbicker

Zwei weitere Tage später, am Mittwoch, wartete ich im Büro ihrer Anwälte auf neue Nachrichten. Irgendwann klingelte das Telefon. Der Anwältin, die das Gespräch entgegennahm, schossen Freudentränen ins Gesicht. Ich brauchte keine Übersetzung abzuwarten. Mit einem Anwalt ging ich zum Gericht, um den Entlassungsbescheid des Untersuchungsrichters abzuholen. Als um 18.20 Uhr meine Lufthansa-Maschine zum Start anrollte, wusste ich, dass sich genau in diesen Minuten für Yüksel Selek die Gefängnistore öffnen.

Nachtrag:

Im April 1989 nahm mich Yüksel Selek für eine Woche als Gast in ihrer Wohnung auf und vermittelte mir eine Vielzahl von Kontakten für Reportagen und Interviews. Unter anderem fuhr ich zur größten Müllkippe der Stadt, wo junge Männer nach Flaschen und anderem Brauchbaren suchten, das sie weiterverkaufen konnten. Für mich sangen sie ihr selbstkomponiertes Lied der Müllwerker. Fünf Jahre später explodierte diese Müllkippe, 20 Menschen wurden getötet.

Ein letztes Mal sah ich Yüksel Selek am 25.10.1989, als ich während einer weiteren Reportagereise meinen 37. Geburtstag in Istanbul feierte und sie als Gast dabei war.

Wenn ich irgendwann einmal meine Memoiren unter dem Titel Begegnungen veröffentliche, dann werden dort auch die Begegnungen mit Yüksel Selek zu lesen sein.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Otmar Steinbicker
2016

Nach dem Anschlag auf den Talibanführer droht der Konflikt außer Kontrolle zu geraten

Cyberwar klingt nach sauberem Krieg, ist aber hochgefährlich

Weißbuch 2016 – die Bundeswehr vor einer Neuorientierung?

Nach den Anschlägen von Brüssel: Vorsicht vor vorschnellen Hypothesen!

Der Gedanke, dass Trump Herr über die Atomwaffen der USA werden könnte, ist unerträglich

Weißbuch 2006 – Ein Rückblick auf gescheiterte Strategien

PEGIDA, nicht die Friedensbewegung ist heute Adressat russischer Propaganda

Die Gefahr der Eskalation ist groß: Der komplexe Konflikt in Syrien muss endlich gelöst werden!

Friedenslogik: Konflikte in ihrer ganzen Komplexität betrachten

2015

Die Abgeordneten, die heute dem neuen Krieg zustimmen, handeln unverantwortlich

Ein gefährlicher Weg in einen neuen Krieg

Den IS zu bekämpfen ist eine politische Aufgabe, die nicht militärisch gelöst werden kann

Auch der Syrien-Krieg ist militärisch nicht zu lösen

Nach Jahren des Zögerns muss von der Bundesregierung eine ernsthafte Friedensinitiative ausgehen

Gedanken zur Geschichte der Friedensbewegung und zu deren aktuellen Fragestellungen

In Afghanistan macht sich Perspektivlosigkeit breit

Wessen Land ist mein Land?

Flüchtlingskrise: Chaos statt Ordnung?

Warum Menschen fliehen

OSZE: Möglichkeiten und Grenzen des Konfliktmanagements

Von der „Charta von Paris“ zur NATO-Osterweiterung

Merkel und Hollande lasen Poroshenko die Leviten

Um Konflikte lösen zu können, muss Europa den KSZE-Gedanken endlich wiederbeleben

Zäh, schwierig, aber letztlich erfolgreich: Zusammenarbeit im UNO-Sicherheitsrat zahlt sich aus

Kubakrise – Nahe am Abgrund

Israel muss sich entscheiden

Die Karten im Nahostkonflikt werden neu gemischt

Die Situation in Afghanistan ist extrem verfahren

Gefährliche Blocklogik der Nato: Russland darf nicht aus dem Haus Europa ausgegrenzt werden

Die Mahnwachen – eine rechtsoffene Bewegung

Die Gefahr eines Atomkrieges ist in jüngerer Vergangenheit wieder deutlich gestiegen

Die Friedensbewegung hat keinen Grund zu verzagen, sie hat im Gegenteil gerade jetzt riesige Chancen!

Internationale Konflikte müssen diplomatisch und politisch gelöst werden, bevor sie eskalieren

Ergebnis von Minsk kann nur die grobe Richtung für eine Lösung des Ukraine-Konflikts vorgeben

„Friedenswinter“

Wie dem Terrorismus begegnen? Nicht durch Kriege, sie produzieren nur neue Gewalt!“