Otmar Steinbicker

Kubakrise – Nahe am Abgrund

FriedensForum, 4/2015

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Während der Kubakrise Ende Oktober 1962 stand die Welt unmittelbar am Abgrund eines Atomkrieges. US-Aufklärungsflugzeuge hatten Stellungen sowjetischer Mittelstreckenraketen auf der Karibikinsel entdeckt. Weitere Waffenlieferungen einschließlich atomarer Raketen befanden sich auf dem Seeweg, als die US-Regierung unter Präsident John F. Kennedy eine Seeblockade beschloss. Auf dem Höhepunkt der Krise zwang am 27.10.1962 ein US-Zerstörer ein sowjetisches U-Boot mit Atomwaffen an Bord zum Auftauchen. Quasi in letzter Minute wurde am folgenden Tag eine diplomatische Lösung der Krise gefunden.

Dass es überhaupt zu dieser Krise kommen konnte, lag in der Logik des Widerspruchs zwischen atomarer Abschreckung und offensiver Atomkriegsführung.

Ginge es bei Atomwaffen ausschließlich um die Aufrechterhaltung einer atomaren Abschreckung, so würden wenige dieser Waffen verbunden mit einer gesicherten Zweitschlagskapazität ausreichen, um dem vermeintlichen Gegner glaubwürdig vernichtende Schläge anzudrohen. Doch mit der Logik des „Wer als erster schießt, stirbt als zweiter“, lässt sich kein atomarer Angriffskrieg planen. Dafür braucht die angreifende Seite zumindest die Hoffnung, einen solchen Krieg gewinnen zu können.

Mit der Aufstellung von atomaren Mittelstreckenraketen des Typs Thor in England sowie des Typs Jupiter in Südostitalien und in der Türkei ab Januar 1959 hofften die USA, ihre Raketen so nahe an Zielen in der UdSSR installiert zu haben, dass ein Überraschungsangriff möglich sein könnte. Ausdrücklich wurde von den USA in ihrer Militärdoktrin ein Ersteinsatz von Atomwaffen nicht ausgeschlossen. Im April 1962 waren diese Raketen einsatzbereit. Da sie nicht besonders geschützt, sondern leicht angreifbar waren, eigneten sie sich nur für einen Erstschlag. Unterstützung in einem solchen Atomkriegsszenario konnten die mit Polaris-Atomraketen bestückten U-Boote bieten, denen die UdSSR zu diesem Zeitpunkt nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte.

Nach dem Bruch zwischen Kuba und den USA im Oktober 1960 eröffnete ein Bündnis mit Kuba der UdSSR auch neue militärstrategische Optionen. Ab Juli 1962 begann die UdSSR heimlich mit der Stationierung von Militär. Die sowjetische Marine und Handelsflotte brachte über 42.000 Soldaten und 230.000 Tonnen Ausrüstung nach Kuba, darunter auch 40 R-12- und 24 R-14-Mittelstreckenraketen mit dazugehörigen Atomsprengköpfen mit einer Sprengkraft von 0,65, bzw. 1,65 Megatonnen TNT. Zum Vergleich: Die von den USA über Nagasaki abgeworfene Atombombe hatte eine Sprengkraft von 0,024 Megatonnen.

Die UdSSR konnte ihre Truppen- und Raketenstationierung nach der mit verdeckter Unterstützung der CIA durch Exilkubaner ausgeführten Invasion in der Schweinebucht im April 1961 problemlos als Hilfe für die Verteidigung Kubas gegen eine drohende US-Invasion begründen und zugleich ein atomares Potential aufzubauen, das die bisherigen Schwächen im strategischen Vergleich gegenüber den USA ausgleichen sollte.

Am 5. und 29. August 1962 konnte die CIA auf Fotos eines Aufklärungsflugzeugs des Typs U-2 Startvorrichtungen für sowjetische Luftabwehrraketen in der Provinz Pinar del Río nachweisen. Am 14. Oktober von U-2-Flugzeugen aufgenommene Fotos zeigten sowjetische Techniker und Soldaten beim Bau von Startrampen für sowjetische Mittelstreckenraketen des Typs SS-4 und SS-5 in der Nähe von San Cristóbal.

Die USA waren jetzt in einer vergleichbar ungünstigen Lage wie die UdSSR. Der Gegner im Kalten Krieg konnte in absehbarer Zeit ihr Territorium von Kuba aus mit atomaren Mittelstreckenraketen mit kurzen Vorwarnzeiten bedrohen, so wie sie die UdSSR bereits von europäischem und türkischem Territorium aus bedrohen konnten. Daraufhin berief Präsident John F. Kennedy am 16. Oktober einen Beraterstab ein, der zwei alternative Reaktionsmöglichkeiten erörterte: Hinnehmen der Stationierung oder Luftangriffe und Invasion.

Weitere U-2-Aufklärungsflüge zeigten die Existenz von 16 bis 32 Atomraketen mit einer Reichweite von bis zu 4500 km. Innerhalb des nervös gewordenen Beraterstabes kam es zu heftigen Kontroversen zwischen einer Gruppe um Air-Force-General Curtis E. LeMay, die auf Luftangriffe drängte und einer Gruppe um Justizminister Robert F. Kennedy, die für eine Seeblockade eintrat. Auch noch als die Entscheidung für eine Blockade fiel, wurden die anderen Optionen offen gehalten.

Am 22. Oktober wandte sich US-Präsident Kennedy an die internationale Presse, forderte die UdSSR zum Abzug ihrer Raketen auf und drohte mit dem Einsatz von Atomwaffen. Zu diesem Zeitpunkt bezogen rund 200 US-Kriegsschiffe um Kuba in Stellung. Drei Tage später lieferten sich die UNO-Botschafter der USA und der UdSSR einen verbalen Schlagabtausch im UNO-Sicherheitsrat.

Absolut heikel wurde die Situation am 26. Oktober, als die US-Marine mit Atomwaffen bestückte Begleit-U-Boote eines sowjetischen Frachters mit Kurs auf Kuba zum Auftauchen zwang. Der kubanische Staatschef Fidel Castro forderte KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow zu einem atomaren Erstschlag auf US-Territorium auf, was dieser jedoch strikt ablehnte. Im Gegenteil: Chruschtschow bot in einem Brief an Kennedy an, die Raketen von Kuba abzuziehen, falls eine Invasion in Kuba durch die USA ausgeschlossen werde. Kennedy sicherte das zu.

Am Folgetag wurde ein weiteres mit Atomwaffen bestücktes sowjetisches U-Boot durch Granateneinsatz zum Auftauchen gezwungen. In dieser Situation stand die Welt unmittelbar vor einem Atomkrieg und zugleich setzte ein ernsthaftes Bemühen ein, doch noch eine diplomatische Lösung zu finden!

In einem weiteren Brief sicherte Chruschtschow den Raketenabzug zu, wenn die USA neben dem Verzicht auf eine Invasion in Kuba auch die Jupiter-Raketen aus der Türkei abziehen würden. Am Abend traf sich Justizminister Robert Kennedy mit UdSSR-Botschafter Dobrynin. Der US-Präsident ließ ausrichten, er stimme dem Abzug der Raketen aus der Türkei zu. Noch in der Nacht entschied Chruschtschow, die Raketen aus Kuba abzuziehen. Zur Gesichtswahrung Kennedys wurde vereinbart, dass dieser den Invasionsverzicht öffentlich erklärt, der Raketenabzug aus der Türkei jedoch zeitversetzt und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Nach der Kuba-Krise setzte zuerst zwischen den beiden atomaren Hauptmächten USA und UdSSR und später in Europa das ein, was später Entspannungspolitik genannt wurde.

Hauptfelder dieser Entspannungspolitik wurden die Rüstungskontrolle und die Wirtschaftsbeziehungen. Dabei handelte es sich um eine schlichte Anerkennung der Realitäten. Die Kuba-Krise hatte das atomare Patt deutlich gemacht und keine der beiden Seiten konnte sich Hoffnungen machen, einen Atomkrieg überleben, geschweige denn gewinnen zu können.

Anfang der 1980er Jahre suchten vor allem die USA einen Ausweg aus dem atomaren Patt. Dazu sollten in Westeuropa erstmals seit der Kuba-Krise wieder atomare Mittelstreckenraketen stationiert werden. Die dazu ausgesuchten Pershing-2-Raketen mit einer Reichweite bis Moskau waren mit ihren speziellen Sprengköpfen weniger darauf ausgerichtet, eine maximale Vernichtung der Zivilbevölkerung zu erreichen, als vielmehr gehärtete Bunker der politischen und militärischen Führung zu zerstören. Dazu diente vor allem die verringerte Vorwarnzeit gegenüber den Interkontinentalraketen und eine Treffgenauigkeit von zwölf bis 40 Metern.


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