Otmar Steinbicker

Ein konzeptionsloser Krieg gegen den „Islamischen Staat“

25.09.2014

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Der dringende Rat in der heutigen Ausgabe der „Washington Post“ an die US-Regierung, sich nicht auf einen neuen Irakkrieg einzulassen, kommt von ungewöhnlicher Seite – nicht von einem der üblichen Verdächtigen aus den Reihen der Friedensfreunde, Kriegsgegner oder kritischen Intellektuellen, sondern von einem ehemaligen Drei-Sterne-General.

Bernard E. Trainor war 39 Jahr lang Soldat, hat in Korea und Vietnam gekämpft und hatte über lange Zeit verantwortliche Kommandofunktionen inne. Er weiß, was Krieg ist und wie Kriege gewonnen oder verloren werden.

Für ihn ist der IS (der selbst ernannte Islamische Staat) ein Problem mit dem umgegangen werden muss, aber das nicht durch einen zu gewinnenden Krieg gelöst werden kann. Militärisch sieht er ein Patt und Eskalationsgefahren mit erheblichen Risiken. Politisch sieht er ein ernstes Problem in dem doppelzüngigen gewaltsamen Spiel der Akteure vor Ort: Sunniten und Schiiten im Irak, Assad-Truppen und Rebellen in Syrien, sowie der Konkurrenten im Kampf um regionale Vorherrschaft: Türkei, Iran, Saudi-Arabien. Die USA sollten „nach mehr als einem Jahrzehnt der Frustration und Erniedrigung“ daraus gelernt haben, warnt er.

Erfahrung des letzten Irakkrieges

Haben die USA aus der Erfahrung des letzten Irakkrieges von 2003 bis 2011 gelernt? „Kein Einsatz von Bodentruppen“, verspricht Präsident Obama. Schließlich starben dort in dem genannten Zeitraum 4474 Soldaten. Jetzt sollen Luftschläge den Krieg ausschließlich aus sicherer Entfernung ermöglichen. Obendrein helfen Kampfpiloten aus anderen arabischen Ländern bei den Angriffen, die mittlerweile auch auch Syrien ausgedehnt wurden. Aber lässt sich so ein Krieg gewinnen?

Machen wir uns nichts vor: Es geht längst nicht mehr nur um die Bekämpfung einer extrem brutaler Terroristenmiliz, von deren Kämpfern 13.000 aus dem Ausland kommen, davon mehr als 450 aus Deutschland. Es geht um einen Krieg, in dessen Strudel jetzt ganze Bevölkerungsgruppen mit hineingerissen werden: die Kurden, Sunniten und Schiiten im Irak sowie die unterschiedlichen Ethnien und religiösen Gemeinschaften in Syrien, wo seit dreieinhalb Jahren bereits ein blutiger Bürgerkrieg mit mehr als 200.000 Toten und mehr als elf Millionen Flüchtlingen tobt.

Ein politisches Konzept für eine anzustrebende Nachkriegsordnung in der Region gibt es auf Seiten des Westens nicht und damit auch überhaupt kein Konzept – weder für einen militärischen noch für einen nichtmilitärischen Lösungsansatz! Da mag die Vorstellung von der Wiederherstellung des einstigen muslimischen Kalifats auf der Gegenseite eher noch etwas von einem Konzept haben und somit auch Anhänger motivieren.

Die USA und ihre Verbündeten schlagen sich mal wieder – wie gehabt – auf die Seite einiger der seit langem bereits existierenden Konfliktparteien. In der Vergangenheit wechselten die USA gerne auch mal die Seiten – mal mit Saddam Hussein gegen Iran, dann mit anderen arabischen Staaten gegen Saddam Hussein. Auch da gab es kein ernsthaftes Konzept, sondern Handeln nach tagesaktuellen wechselnden Interessenlagen.

Was jetzt zu erwarten ist, ist eine Steigerung des Chaos

Das Ergebnis dieses konzeptionslosen Handelns war, wie nicht anders zu erwarten, Chaos! Und es war dieses Chaos auf dem Sumpfpflanzen wie Al Kaida und die IS-Milizen gedeihen konnten. Was jetzt im gerade neu begonnen Krieg zu erwarten ist, ist eine weitere Steigerung dieses Chaos!

Sicherlich werden die US-Luftwaffe und die Drohnenkrieger der CIA im sicheren Hauptquartier in den USA in der Lage sein, eine Reihe der IS-Milizenführer und weiterer Kommandeure zu töten. Doch auch das wird nur dazu beitragen, über Jahre ein chaotisches Schlachtfeld zu schaffen, wie David Ignatius, der Kriegs-und Krisenkommentator der „Washington Post“ bereits in der gestrigen Zeitungsausgabe anmerkte.

Ignatius beendete seinen Kommentar mit dem Hinweis auf Obamas Redezitat, der Einsatz werde Zeit brauchen, und der Anmerkung, das würde sicherlich bedeuten über das Ende der Amtszeit Obamas hinaus. Der Nachfolger Obamas, wer immer das sein mag, wird im Januar 2017 in sein Amt eingeführt.

Bis zu diesem Zeitpunkt werden wir uns wohl auf eine Fortführung des gerade begonnen Krieges einstellen müssen. Und was danach kommt, ein Ende des Krieges oder eine weitere Eskalation – vielleicht auch mit Bodentruppen – bleibt offen.

Ernsthafte Lösungsansätze müssen anders aussehen. Diese bittere Erfahrung haben wir in Deutschland im Afghanistankrieg machen müssen. Doch auch für Afghanistan fehlt bis heute sowohl in Washington wie in Berlin oder Brüssel jede Bereitschaft zu einer politischen Lösung, die in Afghanistan wesentlich eher zu erzielen wäre als auf dem deutlich unübersichtlicheren Schlachtfeld Iraks und Syriens. Das wird wohl ebenfalls bis zu den nächsten Bundestagswahlen 2017 so bleiben. Und ob sich dann Wesentliches ändern wird, bleibt zweifelhaft.


World Wide Web aixpaix.de

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