Otmar Steinbicker

Friedenslogik: Konflikte in ihrer ganzen Komplexität betrachten

Aachener Nachrichten, 08.01.2016

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Friedenslogik – dieser Begriff klingt in den Ohren mancher Politikerinnen und Politiker wahrscheinlich nach pazifistischem Gutmenschentum und naiven Friedensvorstellungen. Realpolitik sei leider anders, ist noch immer der vorherrschende Konsens.

Angesichts der jüngsten Beschlüsse des Bundestages, einige tausend Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan, Syrien und Mali zu entsenden, lohnt sich ein grundsätzlicher Blick auf Logik, Realismus und Illusionen im Zusammenhang mit Konfliktlösungsansätzen.

Bereits auf den ersten Blick sollte auffallen, dass die Bilanz der Kriege der unterschiedlichen Bundesregierungen seit dem Kosovo-Krieg von 1999 keinesfalls positiv im Sinne einer erfolgreichen Konfliktlösung ist. Der Kosovo-Konflikt schwelt auf niedrigem Niveau weiter und in Afghanistan erobern die aufständischen Taliban nach dem Abzug der internationalen Kampftruppen einen ländlichen Distrikt nach dem anderen, ohne auf nennenswerten Widerstand der Regierungstruppen zu stoßen. Offenbar lagen den Beschlüssen, die jeweiligen Kriege zu beginnen, erhebliche Illusionen über schnell zu erzielende Lösungen zugrunde.

Die Methode der Friedenslogik wurde durch die kritische Friedens- und Konfliktforschung begründet. Ihren Ursprung hatte sie in der Ablehnung der „Logik der Abschreckung“ mit atomaren Massenvernichtungswaffen während des Kalten Krieges. Seit den 1990er Jahren findet diese Methode zunehmend auch Anwendung in konstruktiven Vorschlägen zur zivilen Konfliktbearbeitung.

Kennzeichnend für die Methode der Friedenslogik ist, dass sie weder in der Konfliktanalyse noch bei Vorschlägen für Konfliktlösungen von Schwarz-Weiß-Malereien oder schlichten, monokausalen Ursache-Wirkung-Beziehungen ausgeht, sondern die ganze Komplexität der jeweiligen Konflikte betrachtet. Das schließt den kritischen Blick auf vielfältige Konfliktursachen, auf unterschiedliche Interessen der jeweiligen Konfliktparteien und auf Interessen und Handeln regionaler und globaler Mächte und Akteure ein. Auf einer solch fundierten Grundlage gilt es dann, Lösungsansätze zu finden, die unter den gegebenen Bedingungen unmittelbar umgesetzt werden können. Das heißt keineswegs, dass da am „grünen Tisch“ eine fantastische Ideallösung ausgeknobelt wird, sondern dass realistische Schritte vorgeschlagen werden, die geeignet sind, eine Dynamik in Richtung auf eine Lösung zu entfalten.

Plumpes Freund-Feind-Denken

Den krassen Gegensatz im Herangehen an Konflikte prägte US-Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren, der die konkurrierende Weltmacht UdSSR kurzerhand zum „Reich des Bösen“ erklärte, in der Perspektive eines Atomkrieges ein „Armageddon“, den biblischen Endkampf zwischen Gut und Böse sah und damit plumpes Freund-Feind-Denken zum politischen Maßstab erhob.

Der spätere US-Präsident George W. Bush baute dieses Freund-Feind-Denken während seiner Amtszeit 2001 bis 2008 weiter aus. Er präsentierte 2001 den Führer der Al-Kaida-Terrorgruppe, Osama bin Laden, und 2003 den irakische Diktator Saddam Hussein als personifizierte Feindbilder und erweckte den Eindruck, dass mit der Beseitigung dieser „Bösewichte“ die Probleme in Afghanistan, im Irak und darüber hinaus gelöst werden könnten. Auch der unter US-Präsident Barack Obama begonnene Libyen-Krieg beruhte auf der Annahme, es reiche, den dortigen Diktator Muammar al-Gaddafi zu beseitigen, um die Probleme des Landes zu lösen.

Die aktuell brennenden Kriege in Afghanistan, Irak und Syrien, aber auch die Ausweitung der Aktivitäten des IS auf Libyen und Mali sind Folgeerscheinungen dieser Kriege. Ihre Weiterführung lässt keine Logik in Richtung auf Konfliktlösungen erkennen, sondern gleicht eher verzweifeltem, konzeptionslosem Aktionismus, der zugleich dazu beiträgt, die Konflikte erheblich auszuweiten, immer mehr unterschiedliche Akteure einzubeziehen und eine Lösung weiter zu erschweren.

Wer sich statt auf eine Weiterführung der Kriege auf eine Lösung der Konflikte konzentrieren will, der wird um eine Beschäftigung mit der Methode der Friedenslogik nicht herumkommen.

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Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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