Otmar Steinbicker

Flüchtlingskrise: Chaos statt Ordnung?

14.09.2015

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Das Ausmaß des Flüchtlingsandrangs in den letzten Wochen mag manchen überrascht überrascht haben. Wer seit längerem die Zahl der weltweit Flüchtenden beobachtete, durfte nicht überrascht sein, dass ein Teil von ihnen nach Europa strebt.

In den letzten zwei Wochen kamen zehntausende Flüchtlinge über die Balkanroute (Türkei-Griechenland-Serbien-Ungarn-Österreich) nach Deutschland. Die meisten von ihnen kamen geordnet mit Zügen aus Wien in München an und konnten und mussten von dort aus auf andere Bundesländer und auf andere Städte weiterverteilt werden. Spätestens am Ankunftsort konnten sie registriert und die gesetzlich vorgeschriebenen Asylverfahren in Gang gesetzt werden.

Dass diese Aufgabe aufgrund der hohen Zahl der Flüchtlinge eine gewaltige Herausforderung war, dürfte niemand bestreiten. Dass diese Herausforderung angenommen und bewältigt wurde, ist vielen zu verdanken von der Kanzlerin bis zu den vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern in München und in vielen anderen Städten und Gemeinden.

Dass die Lage am „Drehkreuz“ München besonders schwierig wurde, war abzusehen: Wenn von dort der Weitertransport nicht schnell genug funktionierte, musste es einen problematischen Rückstau geben und den gab es.

Wenn jetzt die Bundesregierung ihr Heil in einer teilweisen Schließung der Grenzen sucht, wird sie damit den Andrang der Flüchtlinge nicht aufhalten, sondern diese eher dazu animieren, andere Fluchtwege zu suchen: gefährlichere und unkontrollierbare. Nicht wenige der syrischen Flüchtlinge die ankommen, scheinen bereits Verwandte in Deutschland zu haben, bei denen sie Hilfe suchen werden. Ob und wann sie dann Asyl beantragen oder ob ein Teil von ihnen versucht, sich ohne Papiere durchzuschlagen, bleibt abzuwarten. Das durch die teilweise Schließung der Grenzen absehbare Chaos dürfte den Umgang mit dem Andrang der Flüchtlinge nicht einfacher machen.

Wollte man versuchen, den Flüchtlingen den Zugang nach Deutschland zu versperren. müsste man Zäune und Mauern bauen, die wohl die wenigsten Menschen in Deutschland wollen. Will man sie nicht, dann muss man andere Wege suchen, den Andrang der Flüchtlinge zu meistern.

Der bis zum Sonntag beschrittene Weg war trotz aller Probleme der einfachere und geordnetere.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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