Otmar Steinbicker

In der Corona-Krise ist neues Denken gefragt

Aachener Nachrichten, 24.03.2020

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Die Corona-Krise wirft in ihrer Heftigkeit viele Fragen auf, die sich erst nach einem Abklingen der unmittelbaren Gefahren sorgfältig diskutieren lassen, dann aber auch diskutiert werden müssen. Aus sicherheitspolitischer Sicht muss dann die Frage neu beantwortet werden: Wodurch werden wir bedroht?

Derzeit sollte das größte Truppenmanöver seit dem Ende des Kalten Krieges stattfinden. Circa 37.000 Soldatinnen und Soldaten, darunter mehr als 20.000 aus den USA, sollten von 14 See- und Flughäfen in den Niederlanden, in Belgien, Frankreich und Deutschland aufbrechen und etwa 4000 Kilometer in Richtung russische Grenze aufmarschieren. Das Manöver, dem eine fiktive Bedrohung durch Russland als Szenario zugrunde lag, war der realen Bedrohung durch das Coronavirus nicht gewachsen. Die bereits angelandeten Soldaten mussten wieder nach Hause geschickt werden.

Für die meisten von uns kam die Corona-Krise in ihrer Heftigkeit völlig überraschend. Die politisch Verantwortlichen hätten allerdings vorgewarnt sein müssen. In der Drucksache 17/12051 des Bundestages vom 3. Januar 2013 unterrichtete die Bundesregierung die Abgeordneten mit einem Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012. Darin enthalten ist auch eine Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ in der es heißt: „Das Szenario beschreibt eine von Asien ausgehende, weltweite Verbreitung eines hypothetischen neuen Virus, welches den Namen Modi-SARS-Virus erhält. ... Zum Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle nach ca. 300 Tagen sind ca. sechs Millionen Menschen in Deutschland an Modi-SARS erkrankt. Das Gesundheitssystem wird vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden können.“ Der komplette Bericht steht im Internet zum Download bereit. Mehr Vorsorge in den Krankenhäusern auf ein solches befürchtetes und jetzt eingetretenes Szenario wäre also möglich gewesen.

Eine andere massive Bedrohung ist der absehbare und in Teilen bereits eingetretene Klimawandel. Zu diesem Thema gab es bereits 2014 Studien der Bundeswehr und des US-Verteidigungsministeriums mit warnenden Hinweisen. Einen deutlich schärferen Ton schlägt eine brandaktuelle Studie vom 24. Februar 2020 des National Security, Military and Intelligence Panel (NSMIP) an, in dem Experten aus Militär, Geheimdiensten und der Sicherheitsforschung zusammenarbeiten. Diese Studie stellte zwei Szenarien vor: eine Erderwärmung um ein bis zwei Grad sowie eine Erderwärmung um zwei bis vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. Sie kommen zu dem Schluss: „Auf der Grundlage unserer Forschung haben wir festgestellt, dass selbst bei Szenarien mit geringer Erwärmung jede Region der Welt in den nächsten drei Jahrzehnten ernsthafte Risiken für die nationale und globale Sicherheit aufweisen wird. Eine stärkere Erwärmung wird im Laufe des 21. Jahrhunderts katastrophale und wahrscheinlich irreversible globale Sicherheitsrisiken mit sich bringen. ... Die Welt befindet sich derzeit auf dem Weg zu einer hohen globalen Durchschnittserwärmung, und unser Emissionspfad geht weiter. Selbst vorgeschlagene internationale Verpflichtungen, wie die im Rahmen des Pariser Klimaabkommens, sind nicht annähernd angemessen, um die Bedrohung einzudämmen.“ Damit fordern diese Experten noch deutlich radikalere Maßnahmen als die Mitglieder von „Fridays for Future“.

Diese Studie beschreibt auf mehr als 70 Seiten ausführlich die absehbaren Szenarien in den unterschiedlichen Regionen der Erde. Auch wenn Europa und Nordamerika noch einigermaßen glimpflich davonzukommen scheinen, so drohen vor allem im Nahen und Mittleren Osten sowie in Südostasien und dem Pazifik Horrorszenarien – teils durch Dürre und Temperaturen bis zu 60 Grad Celsius, die menschliches Leben unmöglich machen, teils durch einen so starken Anstieg des Meeresspiegels, dass bisherige Deichbaumaßnahmen nicht mehr ausreichen.

Die derzeitige Corona-Krise zeigt, dass für das Überleben der Menschheit dringend neues Denken und drastische Maßnahmen gefragt sind. Ein „Weiter so“ reicht nicht mehr aus.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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Beiträge von Otmar Steinbicker
2020

In der Corona-Krise ist neues Denken gefragt

Der Nahost-Plan wird keinen Frieden bringen

Kriegsgefahr in Nahost ist noch nicht gebannt

2019

Wir können uns die Rüstung nicht mehr leisten

Mehr Prävention statt Kräftemessen

Abrüsten! Oder die Atomwaffen schaffen uns ab.

Drei Faktoren, die das Ende der DDR bewirkten

Es geht nicht um Verteidigung. Es geht ums Geschäft!

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Atomare Rüstungskontrolle hängt an seidenem Faden

Ein Frieden in Afghanistan ist möglich

2018

Der Welt droht ein neues atomares Wettrüsten

Macron, die europäische Armee und die französische Rüstungsindustrie

Das Ende des INF-Vertrags wäre ein Spiel mit dem atomaren Feuer

Bundesregierung behält sich doppelten Verfassungsbruch vor

Ein Atomkrieg gefährdet die Menschheit! Haben wir das vergessen?

Wir brauchen eine neue Grundsatzdebatte über Sicherheitspolitik

Neue Weltordnung? Es gibt keine sinnvolle Alternative zur UNO!

Iranabkommen: keine realistische Alternative zu einem weiteren Verhandlungsweg

In Syrien verfolgen alle ausländischen Mächte eigene Interessen. Und was macht Deutschland?

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Deutschland und die EU sollten den Staat Palästina anerkennen

2017

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Es ist höchste Zeit, Misstrauen abzubauen und den Dialog mit Russland wieder aufzunehmen

Waffen wie aus einem schlechten Science-Fiction-Film

Die Modernisierung der Atomwaffenpotenziale bedroht das Gleichgewicht des Schreckens

Die Nato sollte am Hindukusch nicht wieder in die altbekannte Sackgasse stolpern

Neue Herausforderungen an den Pazifismus

Sicherheit kann nicht mehr militärisch, sondern nur noch politisch gewährleistet werden

Rede zum Ostermarsch in Kaiserslautern am 15.04.2017

Es droht eine neue Debatte über die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Europa

Für eine Erhöhung der Rüstungsausgaben gibt es keine überzeugenden Begründungen

Die jüngsten Forderungen nach einer atomaren Supermacht Europa sind hochgefährlich

Wie Donald Trumps Plan, die Europäer gegeneinander auszuspielen, durchkreuzt werden kann

2016

Außer Spesen nichts gewesen? Das OSZE-Treffen fördert den Dialog und öffnet vorsichtig Türen!

Friedensbewegung darf den Begriff der Verantwortung nicht allein der Regierung überlassen

Mit der Wahl Trumps zum Präsidenten haben sich die USA als Führungsmacht verabschiedet

Die Wiederkehr der Atomkriegsdebatte

Pazifismus vor neuen Herausforderungen – Wir brauchen eine ernsthafte Zukunftsdebatte

Die völlig verfahrene Situation in Syrien erinnert an den Dreißigjährigen Krieg in Deutschland

Steinmeiers Vorstoß für eine Kontrolle der konventionellen Rüstung kommt zur richtigen Zeit

Ist die NATO im großen Luftkrieg noch angriffsfähig?

Ministerin von der Leyen gibt auf die Sinnkrise der Bundeswehr keine überzeugende Antwort

Die Debatte über den Einsatz der Bundeswehr im Innern spiegelt die Sinnkrise der Bundeswehr

Ankündigung einer sicherheitspolitischen Zeitenwende

Die Nato sendet ein martialisches Signal nach Moskau

Wie kommt die Friedensbewegung aus der Krise?

Die NATO als Sicherheitsrisiko

Unsere Zivilisation ist kriegsuntauglich geworden

Brauchen wir noch die Bundeswehr?

Nach dem Anschlag auf den Talibanführer droht der Konflikt außer Kontrolle zu geraten

Cyberwar klingt nach sauberem Krieg, ist aber hochgefährlich

Weißbuch 2016 – die Bundeswehr vor einer Neuorientierung?

Der Gedanke, dass Trump Herr über die Atomwaffen der USA werden könnte, ist unerträglich

PEGIDA, nicht die Friedensbewegung ist heute Adressat russischer Propaganda

Die Gefahr der Eskalation ist groß: Der komplexe Konflikt in Syrien muss endlich gelöst werden!

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2015

Die Abgeordneten, die heute dem neuen Krieg zustimmen, handeln unverantwortlich

Ein gefährlicher Weg in einen neuen Krieg

Den IS zu bekämpfen ist eine politische Aufgabe, die nicht militärisch gelöst werden kann

Nach Jahren des Zögerns muss von der Bundesregierung eine ernsthafte Friedensinitiative ausgehen

Gedanken zur Geschichte der Friedensbewegung und zu deren aktuellen Fragestellungen

Warum Menschen fliehen

OSZE: Möglichkeiten und Grenzen des Konfliktmanagements

Von der „Charta von Paris“ zur NATO-Osterweiterung

Um Konflikte lösen zu können, muss Europa den KSZE-Gedanken endlich wiederbeleben

Zäh, schwierig, aber letztlich erfolgreich: Zusammenarbeit im UNO-Sicherheitsrat zahlt sich aus

Kubakrise – Nahe am Abgrund

Israel muss sich entscheiden

Die Karten im Nahostkonflikt werden neu gemischt

Gefährliche Blocklogik der Nato: Russland darf nicht aus dem Haus Europa ausgegrenzt werden

Die Mahnwachen – eine rechtsoffene Bewegung

Die Gefahr eines Atomkrieges ist in jüngerer Vergangenheit wieder deutlich gestiegen

Die Friedensbewegung hat keinen Grund zu verzagen, sie hat im Gegenteil gerade jetzt riesige Chancen!

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„Friedenswinter“

2014

Die Lüge von der „Nachrüstung“

Leipzig 1989: „Wir sind das Volk – Montag sind wie wieder da“

Mein Zeitzeugenbericht vom 19.8.1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze

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Geht es beim Marineeinsatz im Mittelmeer um den Schutz des Abtransportes syrischer Chemiewaffen?

System kollektiver Sicherheit löst Konflikte und verhindert Krieg

2013

Sicherheitspolitik im Koalitionsvertrag: Viele Sprüche, die von der Realität längst überholt sind

Vor 25 Jahren: Yüksel Seleks schwierige Heimkehr in die Türkei

Friedensbewegung kann und muss an die Erfahrungen der 1980er Jahre anknüpfen!

Was soll eine Armee tun, die unser Land nicht mehr verteidigen kann und muss?

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Kampfdrohnen setzen die Hemmschwelle zur militärischen Gewaltanwendung deutlich herab

2012

Ist ein Ende der Gewalt in Syrien mit nichtmilitärischen Mitteln denkbar?

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2010

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2009

Die erste Bresche im Eisernen Vorhang, Reportage vom 19.08.1989 in Ungarn

Krieg ist „ultima irratio“: Sicherheit gemeinsam gestalten