Otmar Steinbicker

Nach den Anschlägen von Brüssel:
Vorsicht vor vorschnellen Hypothesen!

24.03.2016

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Nach den schrecklichen Anschlägen von Brüssel stellen sich erneut die Fragen nach den Ursachen dieses Terrors und nach geeigneten Maßnahmen zu dessen Bekämpfung. Dass eine möglichst exakte Kenntnis der Ursachen Voraussetzung für eine wirkungsvolle Bekämpfung des Terrorismus ist, versteht sich von selbst.

In nicht wenigen Medien ist in diesen Tagen zu lesen, der selbsternannte „Islamische Staat“ (IS) in Teilen Iraks und Syriens habe angesichts deutlicher militärischer Niederlagen in den letzten Wochen und Monaten die Befehle zu Anschlägen wie denen in Brüssel erteilt. Da keine Beweise für solche Befehle vorgelegt wurden, muss man von einer Hypothese sprechen, also einer Annahme, deren Gültigkeit man für möglich hält, die aber bisher nicht bewiesen ist. Hypothesen aufzustellen, gehört durchaus auch zum journalistischen Handwerk, allerdings sollte man diese dann auch deutlich als solche benennen. Geschieht das, fordern Hypothesen vor allem auch zur Diskussion und zum Hinterfragen auf. Geschieht das nicht, dienen sie eher der Stimmungsmache oder Ablenkung.

Was spricht für die Richtigkeit der genannten Hypothese eines direkten Befehls der Führung des IS aus dem Irak oder Syrien? Immerhin gibt es ein Bekenntnis des IS gegenüber einer „Nachrichtenagentur“, die für IS-Propaganda bekannt ist. Darüber hinaus gibt es auch Beweise für Syrien-Aufenthalte von Tatbeteiligten. Das rechtfertigt das Aufstellen einer solchen Hypothese, aber es ist für sich allein noch kein Beweis für deren Richtigkeit.

Eine erste spontane Frage bezieht sich auf die militärische Logik. Kann es aus Sicht des IS militärisch Sinn machen, in einer Situation wo der eigene Herrschaftsbereich durch syrische und irakische Regierungstruppen sowie durch die Bombenflottillen einer Vielzahl von Staaten massiv militärisch bedroht ist, Kämpfer von der umkämpften Front abzuziehen, damit sie sich im fernen Europa in die Luft sprengen und dabei eine Vielzahl von Unbeteiligten mit in den Tod reißen?

Wer in den vergangenen Wochen und Monaten die Berichte in deutschen und internationalen Medien zur Problematik des IS verfolgt hat, wird von zunehmenden Problemen des IS mit seinen ausländischen Kämpfern gelesen haben, die zu Tausenden aus Europa und Nordafrika vor allem nach Syrien gereist waren, um dort für den Traum eines Kalifats zu kämpfen. In Deutschland wurden inzwischen eine Reihe von Rückkehrern registriert, die offensichtlich desillusioniert sind, die sich die Situation in Syrien anders vorgestellt und wahrscheinlich von schnellen Siegen geträumt haben. Auch ist mehrfach von Deserteuren aus den Reihen der ausländischen Kämpfer berichtet worden, die vom IS inhaftiert und exekutiert wurden.

Vor wenigen Wochen, am 3. März 2016, veröffentlichte die arabische Nachrichtenagentur „Al Jazeera“ einen langen Artikel unter der Überschrift „Tunisia: Why foreign fighters abandon ISIL“, um der Frage nachzugehen, warum bisher annähernd 700 IS-Kämpfer in ihr Heimatland Tunesien zurückkehrten. Nach UNO-Berichten waren 5.500 Tunesier ausgezogen um in den Reihen des IS, der Al Nusra-Front oder von Al Kaida in Syrien, dem Irak oder Libyen zu kämpfen.

Die meisten Rückkehrer waren demnach vom Krieg desillusioniert und/oder von ihren verzweifelten Familien zur Rückkehr überredet worden. Andere versuchten aber auch, Landsleute für den Krieg zu rekrutieren. Die meisten Desillusionierten versuchten demnach bereits in den ersten drei Wochen über die Türkei oder auch über Marokko, wo sie ihre Pässe verbrannten, nach Tunesien zurückzukehren. Andere wählten den Weg über Libyen.

95 Prozent der IS-Rückkehrer wurden als solche entdeckt, wurden Polizeiverhören unterzogen, weiter überwacht oder strafrechtlich verfolgt. Rehabilitationsprogramme werden kaum angeboten. Die Gefängnisse gelten eher als Brutstätten für erneute Kriminalität und terroristische Anwerbung. Bis zu zehn Prozent der Rückkehrer dem Bericht zufolge waren im Anschluss an Terrorakten in Tunesien beteiligt. Von direkten Befehlen des IS aus Syrien und Irak ist dabei nicht die Rede.

Das differenzierte Bild, das dieser „Al Jazeera“-Artikel zeichnet, widerspricht nicht den Berichten über deutsche Rückkehrer, die inzwischen vor Gericht stehen.

Wenn die Problematik des IS analysiert wird, dann müssen auch die deutlichen Unterschiede zwischen den IS-Angehörigen aus dem Irak und Syrien auf der einen Seite und den ausländischen Kämpfern, vor allem denen aus Westeuropa, auf der anderen Seite mit einbezogen werden. Zu dieser Thematik hatte ich bereits am 14.11.2015 geschrieben: „Den IS zu bekämpfen ist eine politische Aufgabe, die nicht militärisch gelöst werden kann“.

Gerade die ausländischen Kämpfer aus Westeuropa haben keinerlei originären Bezug zu den Konflikten im Irak und in Syrien. Deutlich wurde das am Beispiel der „Lohberg-Brigade“, Jugendlichen aus dem Dinslakener Stadtteil Lohberg, die für den IS in den Krieg zogen. Ihre Motive entwickelten sich aus sozialen Problemen in ihrer von hoher Arbeitslosigkeit gekennzeichneten Umgebung und aus Integrationsproblemen. Da erschien der IS als Projektionsfläche für eigene Wünsche, als erfolgreiche Persönlichkeit („Kämpfer“) wahrgenommen zu werden. Ähnliche Eindrücke vermittelten die recherchierten Profile der französischen und belgischen Beteiligten an den Attentaten von Paris am 13. November vergangenen Jahres.

Die Führung des IS im Irak und in Libyen steht sicherlich vor einem Dilemma: Will sie einen wie auch immer gearteten „Islamischen Staat“ aufbauen oder will sie eine Terrorinternationale à la Al Kaida sein? Mit ihrem angestrebten Kalifat zielte der IS beizeiten auf eine Staatsbildung und unterschied sich damit wesentlich von Al Kaida. Beides – Staatsbildung und Terrorinternationale – zusammen geht nicht. Wenn die politischen Probleme im Irak irgendwann im Rahmen einer politischen Friedenslösung gelöst werden sollen, dann werden auch Teile des heutigen IS im Irak wie die ehemaligen militärischen und Verwaltungskader Saddam Husseins und die sunnitischen Stammesgesellschaften in eine solche politische Lösung mit einzubeziehen sein, eine Terrorinternationale aber ist für Niemanden in der Welt verhandlungsfähig.

Noch wissen wir im Unterschied zu den Attentätern von Paris nur sehr wenig von den Attentätern von Brüssel. Von zwei Brüdern ist zumindest eine lange Karriere als Schwerkriminelle bekannt. Für mehr als vage Hypothesen dürfte es zu früh sein.

Auch sollte man sich bei der Aufstellung von Hypothesen bewusst sein, in welche Richtung sie die Suche nach Antworten für die Bekämpfung des Terrorismus lenken. Die Hypothese vom direkten Befehl für die Brüsseler Attentate lenkt den Blick auf potentiell Schuldige im Irak und in Syrien, die es dann wohl militärisch zu bekämpfen gilt. Die Integrationsproblematik als Brutstätte von Terrorismus, wie sie in den Banlieues um Paris und im Brüsseler Stadtteil Molenbeek seit November immer wieder eindringlich beschrieben ist, gerät bei der Hypothese vom direkten Befehl dagegen aus dem Blickfeld.

Dabei liegt gerade hier ein wichtiger Zugangspunkt für die europäischen Zivilgesellschaften, wenn es darum geht, entwurzelte Jugendliche davon abzuhalten, im eigenen Land Bomben zu zünden oder sich an Kriegen in anderen Regionen dieser Welt zu beteiligen.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier

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