Otmar Steinbicker

Die Wiederkehr der Atomkriegsdebatte

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Die heftig geführte Atomkriegsdebatte der 1980er Jahre schien am Ende jenes Jahrzehnts endgültig beigelegt. Der Zusammenbruch der UdSSR und des Warschauer Pakts 1990/91 beendeten die Blockkonfrontation. Obamas Vision einer atomwaffenfreien Welt verhieß 2008 das Ende dieser schrecklichsten aller Massenvernichtungswaffen und der Bundestag beschloss im März 2010 einmütig eine Resolution, die den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland forderte. Unlängst beschloss die UNO-Vollversammlung sogar Verhandlungen über ein vollständiges Verbot der Atomwaffen.

Abseits der erbaulichen Reden sah und sieht die Realität problematischer aus. Zwar wurden die Atomwaffen der nuklearen Hauptmächte USA und Russland vereinbarungsgemäß in ihrer Anzahl deutlich reduziert, zugleich aber liefen in beiden Ländern Modernisierungsprogramme an, die vor allem durch eine höhere Zielgenauigkeit eine Kriegführung mit geringerer Waffenanzahl möglich machen sollen. Auch die in Deutschland im Eifelstädtchen Büchel stationierten Atomwaffen sollen nicht abgezogen, sondern für zielgenauere Einsätze modernisiert werden.

Was die Szenarien solcher Einsätze angeht, so gehen inzwischen beide Seiten in ihren Militärdoktrinen von flexiblen Einsatzmöglichkeiten aus, die jeweils auch die Möglichkeit beinhalten, auf konventionelle geführte Angriffe mit dem eskalierenden Einsatz von Atomwaffen zu reagieren. Die NATO nannte ein solches Konzept bis in die 1980er Jahre „Flexible Response“.

Zugleich sah der Friedensforscher Giorgio Francescini bereits 2012 die Problematik, dass die künftigen zielgenaueren US-Atomraketen mit einer höheren Reichweite und einer höheren Zuverlässigkeitsrate in Kombination mit einem wirksamen Raketenabwehrsystem für einen Erstschlag geeignet seien. Sie hätten „eine weit über neunzigprozentige Chance die russischen und chinesischen Nuklearstreitkräfte in einem Erstschlag zu vernichten, ohne dabei selbst nennenswerten Schaden zu nehmen.“ (1)

Die Problematik einer Strategie eines entwaffnenden Erstschlages hat jedoch ihre Eigendynamik. Diese setzt beide Seiten, vor allem aber die vermeintlich unterlegene, im Falle eines Alarms erheblich unter Entscheidungsdruck. Denn eine solche Strategie müsste zwangsläufig auf ein Überraschungsmoment setzten, um sowohl die politische und militärische Führung als auch zumindest einen Teil der Atomwaffen der Gegenseite auszuschalten, um einen verlustreichen Gegenschlag auszuschließen. Die Problematik dieses Überraschungsmoments könnte die Seite, die einen Erstschlag befürchtet, dazu verleiten, auf einen Angriffsalarm möglichst schnell zu reagieren. Ob es sich um einen echten oder um einen Fehlalarm handelt, wird sich aber nach bisherigen Erfahrungen in den USA und der UdSSR in den 1970er und 1980er Jahren womöglich nicht in einer kurzen Zeitspanne klären lassen. In den USA gab es am 9.11.1979 einen spektakulären Fehlalarm (2), in der UdSSR am 26.9.1983 (3). In beiden Fällen ging es jedoch nicht um ein Szenario eines zu befürchtenden entwaffnenden Erstschlages. Dazu waren beide Seiten in dieser Zeit nicht in der Lage.

Anfang der 1980er Jahre drohte mit der Stationierung von Pershing-2-Raketen ein Überraschungsmoment für eine solche Erstschlagstrategie greifbar zu werden. Nur 4,5 Minuten benötigten diese Raketen um von der Bundesrepublik aus Ziele in Moskau zu erreichen. Ein spezieller Sprengkopf sollte in der Lage sein, besonders gehärtete Bunker wie die der politischen und militärischen Führung der UdSSR zu zerstören. Wer hierzulande versuchte, sich in die Köpfe der US-amerikanischen und sowjetischen Strategen hineinzudenken, musste zutiefst erschrecken. Die Bundesrepublik wurde mit dieser Stationierung möglicher Ausgangsort eines Atomkrieges und zugleich unweigerlich möglicher Zielort eines sowjetischen atomaren Gegen- oder auch Präventivschlages.

Mit dem INF-Vertrag von 1987 vereinbarten die USA und die UdSSR den Abzug und die Verschrottung all ihrer Mittelstreckenraketen. Damit schien die Gefahr eines atomaren Erstschlages sowie von Reaktionen und Fehlreaktionen gebannt.

Mit einer Neuauflage von Erstschlagstrategien dürfte auch die Neuauflage der Stationierung von Mittelstreckenraketen mit entsprechend geringer Vorwarnzeit verbunden sein. Dazu müsste allerdings der bestehende INF-Vertrag gekündigt werden. Dass es derzeit bereits solche Überlegungen gibt, machte am 17.09.2016 die Studie „Amerikanische Russland-Politik und europäische Sicherheitsordnung“ der Stiftung Wissenschaft und Politik deutlich (4). Auch ein langer Bericht in der „New York Times“ vom 19.10.2016 mit sehr vagen Vorwürfen US-amerikanischer Militärs, wonach Russland den INF-Vertrag verletze, muss vor diesem Hintergrund gesehen werden (5).

Eine Umsetzung solch möglicher strategischer Überlegungen in reale Rüstungsprojekte und deren Stationierung dürfte einige Zeit benötigen. Friedensbewegung sollte diese Zeit nutzen, um sich der Problematik bewusst zu werden und geeignete Strategien zu entwickeln.

1 http://aixpaix.de/atomwaffenfrei/interview_franceschini.html

2 http://www.spiegel.de/politik/ausland/die-angst-vor-donald-trump-als-atomwaffen-befehlshaber-a-1107903.html

3 http://www.zeit.de/2008/39/A-Petrow

4 http://www.swp-berlin.org/de/publikationen/swp-studien-de/swp-studien-detail/article/amerikanische_russland_politik_und_europaeische_sicherheitsordnung.html

5 http://www.nytimes.com/2016/10/20/world/europe/russia-missiles-inf-treaty.html

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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