Otmar Steinbicker

Die neue Atomkriegsstrategie der Nato

Aachener Nachrichten, 26.06.2020

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Eher ohne großes Aufsehen kündigte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg vergangene Woche eine dramatische Änderung der Atomkriegsstrategie der Allianz an. Diese stammt auf den 1960er Jahre, die Zeit der gefährlichsten Konfrontation zwischen den damaligen Supermächten USA und UdSSR. Wie damals geht es darum, einen Atomkrieg führbar zu machen, und nicht mehr wie überwiegend in den Jahrzehnten danach, ihn möglichst verhindern zu wollen.

Zu diesem Zweck werden die in Europa und auch in Deutschland stationierten Atomwaffen zu „Mini-Nukes“ umgerüstet. Dass deren Sprengkraft zwischen 0,3 und 50 Kilotonnen variieren kann, mag sie auf den ersten Blick harmloser erscheinen lassen als die alten um Megatonnen schwereren Atomsprengköpfe, doch zugleich senkt die geringere Sprengkraft auch die Skrupel beim Einsatz von Atomwaffen. Werden solche Waffen erst einmal eingesetzt, droht die weitere Eskalation auch bis in den Megatonnen-Bereich.

Auch Überlegungen, die bisher in Büchel in der Eifel stationierten Atombomben, die die Bundeswehr in den Einsatz fliegen soll, im Spannungsfall nach Polen zu verlegen, erhöhen die Eskalationsgefahr. Noch hält man sich in der Nato zurück, erneut atomare Mittelstreckenraketen in Europa zu stationieren. Womöglich erinnert man sich noch gut an die massiven Proteste der deutschen und europäischen Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre. Allerdings werden längst offen Optionen diskutiert, Mittelstreckenraketen mit konventioneller Bewaffnung zu installieren. Die konventionellen Sprengköpfe könnten gegebenenfalls relativ schnell und kaum kontrollierbar gegen atomare ausgetauscht werden.

Auch Russland hat längst seine Einsatzdoktrin für Atomwaffen geändert. Ein Verzicht auf einen Ersteinsatz, den es einmal gab, ist längst vom Tisch. Seit zehn Jahren behält sich das Land ausdrücklich vor, Atomwaffen auch in regionalen Kriegen einzusetzen und auch dann, wenn die andere Seite nicht nur keine Atomwaffen einsetzt, sondern womöglich nicht einmal über solche verfügt.

Die sich jetzt abzeichnende strategische Situation ist so gefährlich wie nie zuvor seit der Kubakrise im Oktober 1962, als die Welt nur um Haaresbreite einem Atomkrieg entkommen ist. In den Jahren und Jahrzehnten danach wurden als Konsequenz aus dem Erschrecken zwischen den USA und der UdSSR weitgehende Rüstungskontroll- und später auch Abrüstungsverträge geschlossen, die das Risiko eines beabsichtigten oder auch unbeabsichtigten – zum Beispiel durch einen Fehlalarm oder eine Fehlinterpretation – ausgelösten Atomkriegs minimieren sollten.

Seit Anfang der 2000er Jahre wurden zumeist von den USA fast alle diese wichtigen Abkommen aufgekündigt. In logischer Folge entbrannte ein völlig neuer Rüstungswettlauf, der obendrein asymmetrisch verläuft. Da versuchen beide Seiten sich nicht wie früher in der Zahl der Megatonnen an Atomwaffen mit hundertfachen Overkillraten (die Fähigkeit, die andere Seite vollständig zu vernichten) zu übertreffen, sondern sich entsprechend völlig unterschiedlicher Strategien zu bewaffnen. So begegnet Russland der Präzision und Zielgenauigkeit neuester US-Atomraketen mit Hyperschallwaffen, die aufgrund ihrer Schnelligkeit auch mit Raketenabwehrsystemen nicht zu bekämpfen sind.

In Verträgen über eine Rüstungsbegrenzung, wie wir sie aus den 1970er Jahren kennen, lassen sich solche nicht miteinander vergleichbaren Strategien und Rüstungsmaßnahmen wahrscheinlich kaum noch erfassen und bändigen. Zwar haben am vergangenen Montag Russland und die USA in Wien Gespräche über eine neue Vereinbarung zur atomaren Abrüstung begonnen, doch die zu lösenden Probleme sind riesig. Sollte es dabei gelingen, wenigstens den letzten Abrüstungsvertrag, das Abkommen New Start, das im Februar 2021 ausläuft, zu retten, so bliebe allenfalls ein wenig Hoffnung auf Bereitschaft zu weiteren Schritten.

Aus den Erfahrungen der Kubakrise von 1962 jedoch den Schluss zu ziehen, eine atomare Konfrontation würde schon nicht zum Äußersten, zum großen Atomkrieg führen, wäre absolut verfehlt.

Otmar Steinbicker ist Redakteur der Zeitschrift "FriedensForum" und Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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Beiträge von Otmar Steinbicker
2020

Die neue Atomkriegsstrategie der Nato

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Drei Faktoren, die das Ende der DDR bewirkten

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Das Ende des INF-Vertrags wäre ein Spiel mit dem atomaren Feuer

Bundesregierung behält sich doppelten Verfassungsbruch vor

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Wir brauchen eine neue Grundsatzdebatte über Sicherheitspolitik

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Sicherheit kann nicht mehr militärisch, sondern nur noch politisch gewährleistet werden

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Ist die NATO im großen Luftkrieg noch angriffsfähig?

Ministerin von der Leyen gibt auf die Sinnkrise der Bundeswehr keine überzeugende Antwort

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2015

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Um Konflikte lösen zu können, muss Europa den KSZE-Gedanken endlich wiederbeleben

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Die Friedensbewegung hat keinen Grund zu verzagen, sie hat im Gegenteil gerade jetzt riesige Chancen!

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„Friedenswinter“

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Stehen wir vor einem Paradigmenwechsel in der Außen- und Sicherheitspolitik?

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Friedensbewegung kann und muss an die Erfahrungen der 1980er Jahre anknüpfen!

Was soll eine Armee tun, die unser Land nicht mehr verteidigen kann und muss?

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Kampfdrohnen setzen die Hemmschwelle zur militärischen Gewaltanwendung deutlich herab

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Eine neue Runde im atomaren Rüstungswettlauf ist eingeläutet

2010

Warum die NATO im 21. Jahrhundert keinen Sinn mehr macht (Aachener Nachrichten, 26.11.2010)

2009

Die erste Bresche im Eisernen Vorhang, Reportage vom 19.08.1989 in Ungarn

Krieg ist „ultima irratio“: Sicherheit gemeinsam gestalten