Otmar Steinbicker

Ein Atomkrieg gefährdet die Menschheit! Haben wir das vergessen?

Aachener Nachrichten, 04.087.2018

Otmar Steinbicker, Foto: Beate Knappe

Ausgerechnet wenige Tage vor dem Jahrestag des ersten Atombombenabwurfs über der japanischen Stadt Hiroshima forderte Christian Hacke, ehemaliger Professor an der Bundeswehr-Universität in Hamburg, in einem Beitrag der „Welt am Sonntag“: „Deutschland muss Atommacht werden“. Die Begründung: Unter US-Präsident Donald Trump sei der nukleare Abschreckungsschirm der USA nicht mehr garantiert. Auch wenn tags darauf Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, in einem Gastkommentar massiv widersprach und vor den dramatischen Folgen eines solchen Schrittes warnte, so war es nicht das erste Mal, dass eine solche Forderung in wichtigen deutschen Zeitungen propagiert wird. Offenbar ist entsprechenden Autoren daran gelegen, zentrale Erkenntnisse der 1980er Jahre über die Problematik von Atomwaffen und atomarer Abschreckung in Vergessenheit geraten zu lassen.

Die erste Erkenntnis lautet: Ein Atomkrieg gefährdet die Existenz der Menschheit. So berichtete der „Spiegel“ bereits am 13.8.1984 über Forschungen US-amerikanischer Wissenschaftler zum „nuklearen Winter“, einem Klimasturz nach massiven Atomwaffeneinsätzen, der das Leben auf der Erde zerstören würde: „Das Fazit, das Nobelpreisträger Herbert A. Simon aus der Wissenschaftler-These zog, schon 100 Megatonnen atomarer ‚Nutzlast‘, ausschließlich über Städten abgeworfen, könnten den nuklearen Winter auslösen, geht noch weiter: ‚Nicht einmal gegen einen unbewaffneten Gegner‘ sei unter diesen Voraussetzungen ein größerer Atomangriff möglich, ‚ohne gleichzeitig Selbstmord zu begehen – ohne selbst eine ebenso schwere Strafe zu erleiden wie man sie seinem Opfer zugedacht hat‘: Selbstabschreckung in ihrer höchsten Form.“ Damals lagerten insgesamt 12 000 Megatonnen in den Arsenalen der Supermächte.

Die zweite Erkenntnis lautet: Die Theorie der atomaren Abschreckung ist in sich äußerst problematisch. In einer ausführlichen Studie der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ vom Juli 2018 unter dem Titel „Aporien atomarer Abschreckung“ heißt es dazu: „Nukleare Abschreckung ist ein Konstrukt, in dem Annahmen eine grundlegende Rolle spielen, denen es an einer empirischen Grundlage fehlt .... Atomare Abschreckung ist und bleibt in hohem Maße spekulativ.“

Wichtiger Vertrag gekündigt

Die Problematik liegt nicht zuletzt darin, dass die eine Seite die militärischen Potenziale der anderen Seite analysiert und danach bewertet, was damit schlimmstenfalls angerichtet werden kann. Danach wird das eigene militärische Potenzial so ausgerichtet, dass vor einem solchen Szenario „abgeschreckt“ werden kann. Zu diesem Zweck wird sich eher hin zu einem größeren eigenen Potenzial orientiert. Dieses führt dann auf der Gegenseite zu dem Schluss, dass mit diesem Potenzial schließlich nicht nur abgeschreckt, sondern gegebenenfalls auch angegriffen werden kann. Entsprechend wird auch diese Seite ihr militärisches Potenzial neu ausrichten. Ein größerer Rüstungswettlauf ist somit programmiert.

Ab den 1970er Jahren hatten die USA und die UdSSR aus dieser Erkenntnis die Konsequenz gezogen, Abkommen zur Rüstungsbegrenzung und schließlich zur atomaren Abrüstung zu schließen, um die aus der Abschreckungslogik resultierenden Gefahren einzuschränken.

Heute sind diese Erkenntnisse in der öffentlichen Debatte weitgehend vergessen. Das zentrale Abkommen jener Zeit, der ABM-Vertrag zur Begrenzung der Raketenabwehrsysteme, wurde gekündigt, bei anderen ist die Zukunft ungewiss. Über eine Kündigung des wichtigen IBM-Vertrages zur Abschaffung landgestützter atomarer Mittelstreckenwaffen wird offen diskutiert.

Die technische Weiterentwicklung der Atomwaffen verläuft derzeit in die Richtung, einen Atomkrieg führbar zu machen und nicht mehr vor ihm abzuschrecken. Darin steckt zugleich die Gefahr, dass ein Atomkrieg eventuell auch ungewollt – aufgrund von Fehlalarmen und Fehlinterpretationen – ausgelöst wird oder dass bei den geplanten drastischen Verkürzungen der Vorwarnzeiten letztlich Computern die letzte Entscheidung über die Existenz der Menschheit überlassen wird.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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