Ich vernehme, dass im deutschen Blätterwald der tragische Tod von drei Bundeswehrsoldaten und die Verwundung weiterer sechs deutscher Soldatenkameraden und vor allem die Untersuchung der Ursachen im Disput um die Plagiatsvorwürfe gegen KT zu Guttenberg unterzugehen drohen.
Es ist wieder einmal an der Zeit, Aufklärung zu betreiben und die Afghanistanpolitik genau zu betrachten.
Die afghanische Gesellschaft wird durch die „neue Strategie“ einer harten Bewährungsprobe unterzogen. Es wird die militärische Karte gespielt. Wiederaufbau spielt leider weithin noch immer eine untergeordnete Rolle. Dem Lande am Hindukusch wird durch immer mehr Soldaten vor allem jetzt im beginnenden Frühjahr immer mehr Kommandooperationen zugemutet. Das bedeutet immer mehr nächtliche Hausdurchsuchungen, Jagd auf Führer des Aufstandes, massiver Drohneneinsatz, Show of Force der Jagdbombenflugzeuge, Einsätze von Kampfhubschraubern, Checkpoints und ständige Kontrollen der Bevölkerung. Die Bevölkerung ist müde und erschöpft. Sie wird nicht wie die westlichen Soldaten regelmäßig ausgetauscht. Und die ANA – Soldaten sind Teil dieser Gesellschaft. Sie leiden mit ihr.
Das was da unter dem Begriff „Partnering“ implementiert wird, ist ein unreifer Versuch, ein gemeinsames Vorgehen gegen die Aufstandsbewegung zu initiieren.
Sowohl die afghanischen Soldaten, als auch die deutschen sind darauf überhaupt nicht vorbereitet. Sie verstehen sich nicht und sie haben kein Verständnis zueinander. Da entsteht Misstrauen und auch Angst voreinander.
Es ist ein kultureller Konflikt überlagert vom Aufeinandertreffen verschiedener Entwicklungsstufen der Zivilisation. Die einen kommen aus einer Industrie- und Hightech - Gesellschaft und die anderen zum Teil aus einer mittelalterlichen geprägten Dorfgemeinschaft. Die einen sind Teil der gleichen Gemeinschaft, der auch große Teile der Aufständischen angehören, die anderen verstehen diese Gesellschaft nicht, weil sie sie nicht kennen. Das muss zwangsläufig zu Spannungen und auch zu Aggressivität führen.
Nach wie vor werden echte Probleme im Umgang mit afghanischen Soldaten und Polizisten durch unsere Politik verschwiegen. Unsere Soldaten kennen diese. Die weit verbreitete Unzuverlässigkeit, Gleichgültigkeit, die Neigung zum Drogenmissbrauch, aber auch die unzureichende Bildung und Erziehung der Afghanen sind Tatsachen, deren Verschweigen die Lage nicht besser machen. Die Ausgerichtetheit der Afghanen auf die eigene Großfamilie sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden. Die Hauptmotivation für den Dienst in den afghanischen Sicherheitskräften besteht nicht in einer abstrakten Überzeugung, die Heimat zu stärken, sondern vor allem darin, Geld für die Familie zu verdienen.
Auch werden Reibungen in der Zusammenarbeit mit den US – Truppen verharmlost.
Es geht also weiter mit dem Schönreden, mit der Überbewertung eigener Erfolge.
Und es zeigen sich auch die Folgen der unangemessenen Gewalt und des aggressiven Vorgehens von Soldaten anderer westlicher Nationen. Sowohl Präsident Karzai als auch der Gouverneur der Provinz Balkh kritisierten scharf die nächtlichen Hausdurchsuchungen durch westliche Truppen. Sie seinen ein Verstoß gegen die afghanischen Traditionen und gegen die Verfassung. Und sie erzeugen Hass bei den betroffenen Menschen. Die ANA – Soldaten sind Teil der Gesellschaft und damit auch betroffen von den Folgen dieser Praktiken der westlichen Truppen. Auch dies trägt zweifellos zur Vertiefung von Unverständnis bis hin zum Hass bei den afghanischen Partnern in Uniform bei.
Ich habe von Anfang an die "neue AFG - Strategie" kritisiert. Ich habe sie als gute Theorie bezeichnet, die unreif für die Implementierung in der afghanischen Wirklichkeit ist. Oft genug ist darauf hingewiesen worden, dass man die afghanische Gesellschaft nicht teilen kann. Man kann nicht die Bevölkerung vor den Aufständischen schützen. Die Mehrzahl der einfachen Taliban-Kämpfer sind Teil der Bevölkerung. Und auch die Mehrheit der ANA- Soldaten und ANP - Leute sind Teil der Gesellschaft. Und westliche Truppen können nicht nachts die Häuser durchsuchen und tags darauf das Vertrauen von Bevölkerung und AFG Sicherheitskräften erwarten.
Es ist nur tragisch, dass es deutsche Soldaten getroffen hat und nicht die, die nachts in den afghanischen Dörfern "wilde Sau" spielen.
Und der konsequente Wille des deutschen Verteidigungsministers, am Partnering auch künftig keine Abstiche zu machen, zeugt von politischer Sturheit.
Er und die Bundesregierung mit den Mandatszustimmern des Deutschen Bundestages im Gefolge tragen die alleinige Verantwortung für die Folgen vor allem für das Leben und die Gesundheit unserer Soldaten. Diese sture und unflexible Politik erinnert an Kadavergehorsam gegenüber den Amerikanern.
Was ist übrig geblieben aus dem jahrzehntelangen Ansehen von uns Deutschen bei der afghanischen Bevölkerung?
Es ist eine selbst inszenierte Tragödie!!!
Der Autor ist Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr und war von 2006 bis 2008 militärpolitischer Berater des deutschen Botschafters in Kabul.
Er vertritt in diesem Beitrag seine persönlichen Auffassungen.
Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.
Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".
So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.
Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.
Otmar Steinbicker