Andreas Buro

Friedenslogik, die die Kriegslogik infrage stellt

24.12.2015

In diesen Tagen der Feste der Gläubigen wird aus fast allen Himmelsrichtungen um Frieden, ja um Frieden auf Erden gebeten. Dennoch schießen so viele Menschen aufeinander. Warum?

Alle wünschen sich Sicherheit für sich selbst, für Frau und Kinder, für Freunde und Freundinnen. Sicherheit ein hohes Gut. Der Begriff der Sicherheit wird weitgehend mit dem der Sicherheitskräfte, also dem Militär verbunden. Wie falsch! Ein Rückblick auf das vergangene Jahrhundert. An dessen Beginn kostete ein Krieg um die Hunderttausend Tote, jetzt ist die Auslöschung ganzer Regionen oder sogar der ganzen Menschheit durch wenige Handgriffe möglich. Doch wird immer weiter in diese tödliche „Sicherheit“ investiert. Warum?

Als Jugoslawien noch nicht im Bruderkrieg versunken war, reiste ich durch das Land. Wer Kroate, Serbe, Bosnier, Slowene, Mazedonier, Kosovare usw. war, spielte im täglichen Leben keine große Rolle. Ein Drittel der Jugoslawen waren in Mischehen verbunden. War man nun was? Egal. Später kam das Unfassbare. Die Völker des Landes wurden gegen einander gehetzt, so dass der Nachbar dem Nachbarn an die Kehle ging. Wie konnte das geschehen? Waren sie alle verrückt geworden? Aus freundlichen Nachbarn wurden grausame und gnadenlose Mörder. Warum?

Vor jedem neuen, potentiellem Krieg, werden die erwarteten Feinde in den Medien immer mehr zu Verkörperung des „Bösen“, während unsere Seite sich in Richtung des „Guten“. bewegt. US-Präsident Reagan hat es dann auf den Höhepunkt der Ignoranz gebracht, indem er die Welt tatsächlich in die „Guten.“ (natürlich der Westen, dessen Kriege Millionen töteten) und die „Bösen“ aufteilte. Alles war nun klar, so leicht war die große Vielfalt der Menschheit in Feind- und Freundbilder einzuteilen, während die Wirklichkeit für uns Bürger immer unklarer wurde. Das war und ist von den Herrschenden so gewollt, denn dann glauben wir leichter ihren Militärparolen. In dem Projekt „Münchhausen“, das im Aachener Friedensmagazin www.aixpaix.de erscheint, sind Kostproben der Lügengeschichten der Herrschenden zu finden. Die Frage für uns lautet, weshalb lassen wir uns immer wieder so manipulieren? Warum?

Als es in Deutschland noch die Wehrpflicht gab, hatten erst Hunderte, dann Tausende den Kriegsdienst verweigert. Sie mussten hochnotpeinliche Prüfungen über sich ergehen lassen und zivile Ersatzdienste antreten. Die Zivis wurden in der Bevölkerung zunächst vielfach verächtlich angesehen, bis es so viele wurden und ihre Sozialarbeit in ihrem großen Wert nicht mehr zu leugnen war. Kriegsdienstverweigerung breitete sich über fast die ganze Welt aus. Eine Art von Widerstand von unten gegen den herrschenden Militarismus von oben. Die Erkenntnis brach sich Bahn, Widerstand gegen das militärische Morden ist möglich, aber sehr schwierig. Warum?

Dann geschah etwas Unerwartetes. Die westlichen Angriffskriege liefen auf vollen Touren, doch sie liefen von Afghanistan bis Irak und Syrien schief. Die Militärs verstanden nichts von den angegriffenen Völkern, nichts von deren Mentalitäten, meist nichts von deren Sprachen oder deren kulturellen. sozialen und ethnischen Zusammenhängen. Das Militär erfand daraufhin die Zivil-militärische Zusammenarbeit (engl. CIMIC). Nichtregierungsorganisationen (NRO), die nicht zur Kooperation der militärisch dominierten Struktur bereit waren, wurden mit dem Entzug der Finanzmittel gedroht. Obwohl von den Herrschenden nicht beabsichtigt, konnte sich in dem Gewirr von Papieren und Institutionen von Seiten der pazifischen Kräften ein neuer Begriff einschleichen und schnell in großen Teilen der Welt verbreiten. „Zivile Konfliktbearbeitung“ stieg auf zum Gegenkonzept des militärischen Konfliktaustrages. Ein riesiger Schritt! Warum?

Mir fällt der Vers aus Brechts „Lied von der Moldau“ ein: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine ...“ Vielleicht sind wir in einer solchen Situation. In vielen Teilen der Welt bilden sich Widerstandsgruppen gegen Krieg und Gewalt, Ausbildungsstätten für Zivile Konfliktbearbeitung entstehen und Ausgebildete werden bereits in Konflikten erfolgreich eingesetzt. Das Bemühen ist oft schwierig – Brechts Wort! Manche Kontrahenten, die nicht mehr siegen können, lassen sich auf Verhandlungen ein und lernen, wie erfolgreich Zivile Konfliktbearbeitung sein kann. Soziale Bewegungen auf anderen Arbeitsfeldern lernen von einander das zivile Konfliktbearbeitung auch für sie hilfreich sind. Erstaunlicherweise schleichen sich auch nicht selten bei Militärs Zweifel ein, ob ihr Tun noch sinnvoll sei. Viele sprechen von Friedenslogik, die die Kriegslogik infrage stellt.

Ein großer Prozess des Umdenkens und der Umorientierung ist im Gange, vielfältig, spannend, Mut fordernd und Ausdauer. Toll! „Das Große bleibt groß nicht und kleine nicht das Kleine.“ Hier findet Sinnsuche ihre Aufgaben. Großartig dabei zu sein!

Andreas Buro ist Autor des Aachener Friedensmagazins aixpaix.de. Seine Beiträge sehen Sie hier

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