Gershon Baskin

Ist mein zionistischer Traum gestorben?

02. Juli 2012

Ich mache mir wirklich Sorgen! Ich sehe eine große Katastrophe auf uns zukommen. Ich kann einfach nicht verstehen, warum die Leute nicht schreien: Lasst das nicht zu!

Wo ist der Ministerpräsident? Wo sind alle die zionistischen Führer? Wo ist die jüdische Weltgemeinschaft? Bald werden wir nicht mehr die Möglichkeit haben, uns für Frieden mit unseren Nachbarn zu entscheiden. Wie lange noch werden wir über zwei Staaten für zwei Völker reden können? Auf der israelischen Seite gibt es für diese Lösung offenbar keinen Partner. Bald wird es auch auf der palästinensischen Seite keinen Partner mehr dafür geben. Die wahren Befürworter dieser Lösung in Israel sind inzwischen nur noch eine winzige Minderheit. Bald wird auch die noch verschwinden. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was kommen wird. Ich will ja gar nicht provozieren, ich kann es mir wirklich nicht vorstellen!

Was machen wir, wenn Teilung nicht mehr möglich ist? Wie werden wir mit den Palästinensern umgehen, die unter unserer Herrschaft leben, die aber nicht mehr mit der Lüge leben wollen, dass sie einen eigenen Staat haben werden? Immer mehr Palästinenser erkennen die Lüge und sagen: Ich will mich nicht mehr selbst belügen und ich will nicht, dass meine Führer mich belügen! Ich will nicht, dass die Welt mich belügt!

Lasst uns zur Abwechslung einmal ehrlich sein. Es gibt keine Chance, dass die Regierung von Israel jemals die Herrschaft über die Westbank, den Gazastreifen und Ostjerusalem aufgeben wird. Sie haben ein so ausgeklügeltes Herrschaftssystem aufgebaut, wie kann das jemals abgebaut werden? Es wird keinen Staat Palästina geben, solange Israel das zu entscheiden hat.

Wenn Israel die Tatsache, dass die UNESCO die Geburtskirche in Bethlehem als internationales Kulturerbe unter der Bezeichnung Palästina anerkennt, als Bedrohung für Israel empfindet, welche Chance gibt es dann wohl, dass es jemals einen Staat Palästina geben wird? Gar keine! Denken sie denn, dass Bethlehem nicht in Palästina liegt? Gehört es denn zum Staat Israel? Wenn sie sich durch so etwas schon bedroht fühlen, dann denken sie offenbar, dass Bethlehem zum Staat Israel gehören sollte.

Wir wollen den Tatsachen ins Auge blicken: Keine Regierung von Israel hat sich jemals dazu entschlossen, eine Zwei-Staaten-Lösung zu unterstützen. Das gehörte zu einer hübschen, gut aufgenommenen Rede des Ministerpräsidenten an einer rechts gerichteten religiösen Universität. Es erfüllte den Zweck, eine Zeitlang die Ängste der Welt zu zerstreuen. Aber wie lange kann die Wirkung der Rede anhalten?

Die Zweistaatenlösung entspricht nicht der offiziellen Politik des Staates Israel. Dafür hat sich noch niemals irgendeine Regierung entschieden. Niemals wurde in der Knesset ein Gesetz vorgeschlagen, das die Zweistaatenlösung unterstützt hätte. Die Politik der Regierung unterstützt sie gewiss nicht. Es ist nicht mehr als Gerede, leere Worte auf Papier, die überhaupt keinen Wert mehr haben. Wer glaubt schon, dass es Benjamin Netanyahu Ernst damit war? Sogar sein inzwischen verstorbener Vater sagte am Tag nach der Rede: Das meint er nicht im Ernst!

Ich habe wirklich mein ganzes Leben lang davon geträumt, hier in Israel, dem Nationalstaat des jüdischen Volkes, zu leben, einem Staat, der demokratisch ist und der allen seinen Bürgern vollkommene Gleichheit vor dem Gesetz zusichert. Dieser Traum-Staat kann nur existieren, wenn er nicht im Konflikt mit allen seinen Nachbarn lebt. Es kann in einem Israel, das im Konflikt mit den Palästinensern lebt, keine Gleichheit geben. Eine Million palästinensischer Bürger Israels können nicht gleich sein, solange sie immer wieder über ihre Loyalität befragt werden. Natürlich sind sie ihrem eigenen Volk gegenüber loyal, wenn ihr eigener Staat gegen sie kämpft, ihnen ihre Grundrechte abspricht und sich weigert, ihnen, die doch als Bürger des Staates Israel geboren wurden, gleiches Bürgerrecht zu gewähren.

ISRAEL KANN, solange es Besetzer ist, nicht mit seinen palästinensischen Nachbarn in Frieden leben. Es kann mit ihnen nur in Frieden leben, wenn es ihnen die Freiheit von Israels Herrschaft gewährt oder wenn Israel sie zu Staatsbürgern mit allen Rechten macht. Das sind die beiden einzigen Möglichkeiten, die ich sehe.

Vielleicht Ausweisung? Jordanien ist Palästina? Ich habe das von Leuten der politischen Rechten gehört, darunter viele, die meinen Artikeln widersprechen. Sie sagen: Diejenigen, die eine palästinensische Identität haben wollen, sollen doch nach Jordanien gehen! Ja, und wie steht es mit denen, die sich weigern, ihr Land, ihre Häuser und ihr Erbe hinter sich zu lassen? Und was ist, wenn sie sich auch weigern, weiterhin in israelischer Knechtschaft zu leben?

Was ist, wenn Millionen Palästinenser sagen: Gut, also kein palästinensischer Staat, auch gut, aber wir werden nicht weggehen, wir werden bleiben und wir werden für gleiche Rechte kämpfen. Und wir werden mit allen Waffen kämpfen, die uns zur Verfügung stehen. Ihr habt das ja schon einmal erlebt. Sicher, wir werden das teuer bezahlen, aber welche Alternative lasst ihr uns schließlich? Erzählt mal der Welt, Israel betriebe keine neue Form der Apartheid!

Wirklich, vielleicht kann mir an dieser Stelle irgendjemand weiterhelfen! Ich versuche wirklich zu verstehen!

Was denken Sie, Herr Ministerpräsident? Was wollen Sie tun? Ich habe immer gedacht, die Zweistaatenlösung sei der beste Ausdruck eines realistischen zionistischen Traums und einer realistischen zionistischen Vision. Praktischer Zionismus. Pragmatischer Zionismus.

Ich schäme mich nicht, Zionist zu sein. Ich glaube an die zionistische Vision. Das Buch The Zionist Idea war faktisch meine Bibel, als ich jung war. Ich habe es immer noch; seine Seiten sind vom häufigen Lesen dünn geworden. Aber wirklich, was ist heute aus der zionistischen Vision geworden? Wohin bringt uns der zionistische Traum?

Bringt er uns von Beit HaUlpana zu Beit El? Entspricht die Übernahme privaten palästinensischen Landes und seine Konvertierung in jüdisches Land dem zionistischen Ideal? Geht es darum? Wenn es so ist, warum sollen wir lügen? Handeln wir einfach und bringen wir es hinter uns!

Sagt den Palästinensern, sie hätten keine Rechte. Eretz Yisrael l’am Yisrael – das Land Israel für das Volk Israel. Geht es darum, Herr Netanyahu? Sagen Sie es mir bitte! Ich möchte wissen, woran ich bin!

Ich möchte erfahren, ob in diesem Land noch ein Platz für mich übrig ist. Ich möchte wissen, ob mein zionistischer Traum noch irgendeine Gültigkeit hat. Gibt es im Staat Israel einen Platz für einen Juden, einen Zionisten, der glaubt, dass Zionismus bedeute, in Frieden mit seinen Nachbarn zu leben, damit wir unsere Kraft dazu verwenden können, dieses Land zu dem vorbildlichen Ort zu machen, der es sein könnte?

Gibt es irgendeine Chance, dass Sie, Herr Ministerpräsident, jemals wirklich die Absicht haben werden, die Zweistaaten-Lösung umzusetzen? Oder belügen sie uns nur?

Gershon Baskin ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Gershon Baskin
2016

De-risking peace - Part I

The Left is right

The French connection

The United Nations and Israel’s legitimacy

A moment of opportunity

The darkness of our times

Addressing the core

The worst negotiations, the best negotiations

Palestinian turmoil and Israeli interests

This one is for you - the Palestinians

Palestinian suffering makes no sense for Israel

Creating a compelling vision for peace

It is also in our hands

Sooner or later

There is no partner

There is no partner

2015

Yes, it is difficult to make peace

What does he really want?

To those who oppose Israeli-Palestinian peace

Israel – my sad home

Have I got news for you

It is still not too late for peace

Netanyahu, tell us what you really think!

The partnership challenge

The binational reality that we are experiencing

Abbas is still the leader who can make peace

A new intifada?

After Abbas

The distance between here and peace and security

Doing the wrong thing at that wrong time

The one and only solution!

Yeshayahu Leibowitz was right!

The disengagement – 10 years on: What we choose to forget

Needed - a new approach to Gaza

A bad agreement is better than no agreement

Obviously no peace now, so what then?

Ramadan Kareem!

Israel’s strategic choices regarding Gaza

Anti-normalization hypocrites

FIFA, soccer and the Palestinians

Both sides now

It’s time for Palestine

The citizens’ challenge – from despair to hope

We have the chance to do the right thing in Yarmouks

The world is not against us

This is what you voted for, and this is what you will get

The no decision elections

A cautious peace, but peace nevertheless

For the sake of Israel, Netanyahu must be sent home

Going ballistic even prior to an agreement

To the new IDF chief of staff, Gadi Eisenkot

The Peace Bridge

The choices we must make

Israeli elections – It’s not about the economy

Threats and security

2014

Returning to negotiations

Our most important elections

The missed opportunities

We want peace, but they don't

Our future is in our hands

Defining who we are

Unlike religious wars, political wars have solutions

Today and tomorrow

If we had a real leader

Jerusalem of peace, Jerusalem of war

No tango going on at all

The Gaza challenge

Is Hamas prepared to end this war with a long-term ceasefire?

The end of the ceasefire, the renewal of war and the end game

The aftermath

Some thoughts this morning

Regional forum for security and stability – Gaza first

After a long phone conversation with a Hamas leader in Gaza

Don’t destroy Gaza, build it!

Framework document for the establishment of permanent peace (part 3 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace (part 2 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace

Palestinian refugees in Syria

Annexing the West Bank – a catastrophic plan for the Jewish people

Mutual and reciprocal recognition

Our Palestinians, their Jews

A very personal statement on peace

2013

Contextual reciprocity

Negotiating atmospherics

My Conversation With Hamas

Ramadan Kareem

Wahrheit, Lügen und Rechtmäßigkeit

Kauft palästinensisch!

Rat für den Präsidenten

Keine Fortsetzung des Unilateralismus!

Diesen Weg müssen wir einschlagen!

Die Kluft im Umgang mit den israelischen Arabern schließen

2012

Eine Ein-Staat-Realität ist nicht durchführbar

Strategische Fehler und Herausforderungen

Mord an der Chance für Ruhe

Das Ende des Raketenbeschusses aus Gaza

Die Aufgabe eines Staatsmannes

Es gibt einen Ausweg

Atomwaffen raus aus dem Arsenal

Was Abbas Israel sagen sollte

Obama, gestatte es uns nicht!

Ist mein zionistischer Traum gestorben?