Gershon Baskin

Die Aufgabe eines Staatsmannes

15. Oktober 2012

Wenn ich Ministerpräsident geworden wäre, wen würde ich als ersten anrufen? Es wäre keine schwierige Entscheidung: den Vorsitzenden der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmoud Abbas.

Die Wahlsaison ist da und viele von uns Israelis nähren die Fantasie bzw. den Traum, dass wir unsere Hüte in die Arena werfen und uns vorstellen, dass wir bald in Machtpositionen in der Regierung sein könnten. Wenn ich Ministerpräsident geworden wäre, wen würde ich als ersten anrufen? Es wäre keine schwierige Entscheidung: den Vorsitzenden der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmoud Abbas.

Ich würde ihm sagen, dass wir sofort die Verhandlungen für einen vollkommenen Frieden zwischen Israel und Palästina wiederaufnehmen und dass wir diese Verhandlungen im Laufe eines Jahres abschließen würden. Ich würde ihm versichern, dass wir schnell Fortschritte machen könnten und dass er am Ende einen anerkannten und funktionierenden palästinensischen Staat auf 22 Prozent des Landes zwischen dem Fluss und dem Meer bekäme. Alle Themen lägen auf dem Tisch und wir würden schwer daran arbeiten, zu Lösungen zu kommen, in denen das nationale Recht des jüdischen und des palästinensischen Volkes auf ein sicheres Heimatland und ein Leben als friedliche Nachbarn gleichermaßen anerkannt würde.

Ich würde den Menschen in Gaza verkünden, dass wir keinen Konflikt mit ihnen haben. Israel würde sich vollkommen aus dem Gazastreifen zurückziehen und sähe es gerne, wenn die Menschen in Gaza ein freies Leben in Wohlstand führten. Israel kann es sich nicht leisten, von der dortigen Regierung und ihren Vertretern angegriffen zu werden, und wird sich weiterhin vor derartigen Angriffen schützen. Aber Israel betrachtet den Gazastreifen als Teil eines künftigen palästinensischen Staates. Damit die Menschen in Gaza sich eine vollkommen andere Realität vorstellen können als die, in der sie jetzt leben, würde ich ankündigen, dass Israel mit Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft damit anfangen werde, irgendeine physische Verbindung zwischen der Westbank und Gaza aufzubauen: durch eine Straße, eine Eisenbahnlinie, einen Tunnel oder eine Brücke (oder jede beliebige Kombination davon).

Israel würde zulassen, dass eine Verbindung zwischen der Westbank und Gaza gebaut würde, aber sie würde nur bis einen Kilometer vor Gaza gehen. Die Menschen von Gaza würden sehen, wie sich die neue Realität vor ihnen entfaltet. Sie hätten dann die Wahl: Wollen sie zur neuen Friedens-Ära gehören oder wollen sie bei der zurückgebliebenen Herrschaft der Fanatiker bleiben, die ihnen Freiheit und Befreiung vorenthält? Ich würde ankündigen, dass Israel keinen Konflikt mit den Menschen im Libanon hat und dass es die Regierung des Libanon dazu einlädt, an den Verhandlungstisch zu kommen und einen Friedensvertrag zu unterzeichnen.

Die Hisbollah kann zurückbleiben und noch einmal falsche Entscheidungen treffen, die gegen die Interessen des libanesischen Volkes sind. Ich werde ankündigen, dass die palästinensischen Flüchtlinge im Libanon und in Syrien die Möglichkeit haben, im künftigen palästinensischen Staat ein neues Leben zu beginnen.

Um ihnen die Heimkehr zu erleichtern, werde Israel bald große Teile des vollkommen von Israel kontrollierten Gebietes C in der Westbank an die Palästinensische Autonomiebehörde zurückzugeben, sodass diese sobald wie möglich mit der Planung und dem Bau einiger neuer Städte in diesem Gebiet beginnen könnte. Diese würden die neuen Einwanderer in den palästinensischen Staat aufnehmen. Man stelle sich Städte von der Größe Modi’ins vor, die in der Westbank erstehen und die neue Einwanderer, ehemalige Flüchtlinge, aufnähmen. Ich werde die internationale Gemeinschaft aufrufen, mit der Sendung von Geld für Investitionen auf palästinensischem Gebiet zu beginnen, um die Wirtschaft anzukurbeln und neue Arbeitsplätze für die neuen palästinensischen Bürger zu schaffen.

MEIN ZWEITER Anruf gälte Nabil Arabi, dem Generalsekretär der Arabischen Liga. Ich würde ihn darüber informieren, dass die Regierung von Israel die Friedensinitiative unterstützt, die die Arabische Liga 2002 erstellt hat. Diese wurde bisher fünfmal ratifiziert. Darin werden die volle Anerkennung Israels und normale diplomatische Beziehungen vorgeschlagen, wenn Israel seine bilateralen Streitigkeiten mit seinen Nachbarn beilegt. Ich würde darum bitten, dass der Botschafter Arabi mir die Möglichkeit verschaffte, in einer besonderen Sitzung der Arabischen Liga eine Rede zu halten. Ich wüsste, dass Abbas meine Bitte unterstützen würde.

Ich würde die Arabische Liga darüber informieren, dass Israel nicht die Absicht habe, die Golanhöhen dauerhaft besetzt zu halten. Sobald es in Syrien eine Regierung gibt, die demokratisch ist und vom Volk unterstützt wird und die am Friedensschluss mit Israel interessiert ist, könnten Verhandlungen darüber aufgenommen werden, wie Israels Sicherheit im Norden garantiert werden könnte. Das könnte dadurch geschehen, dass das Gebiet dem syrischen Volk zurückgegeben und zu einer entmilitarisierten Zone gemacht würde.

Meine nächsten Anrufe gälten Präsident Morsi von Ägypten und König Abdullah von Jordanien. Ich würde beide nach Jerusalem einladen, damit sie gemeinsam mit Abbass vor der Knesset sprechen könnten. Ich würde Ihnen sagen, dass ich mich darüber freue, dass sie gemeinsam in der Al-Aqsa-Moschee Gottesdienst feierten, sodass die Friedensbotschaft von Jerusalem in die gesamte muslimische Welt hinausgehen würde.

Das jüdische Volk hat keine Konflikte mit dem Islam und wir glauben, dass Jerusalem die Stadt sein muss, in der wir lernen, unsere gemeinsamen Wurzeln und gleichzeitig unsere Vielfalt zu feiern. Ich würde sie einladen, mit mir am Kotel, der Westmauer, zu beten, wo wir des Heiligen Tempels gedenken. Dieses Gebet wäre ein Symbol dafür, dass arabische und muslimische Führer zeigen, dass der Islam keinen Konflikt mit dem Judentum habe.

Meine Botschaft würde sich auf die Stärke unseres Staates und auf das Vertrauen zu ihm und zu dem, was wir in den letzten 65 Jahren geleistet haben, gründen. Wir haben keine Angst vor einem Friedensschluss. Wir glauben an unsere Fähigkeit, den Herausforderungen des Friedensschließens gewachsen zu sein. Wir haben die Fähigkeit, uns gegen jene zu verteidigen, die die Friedenschancen verderben wollen. Unsere Anhänglichkeit an die Heiligkeit des Lebens als obersten Wertes unseres Glaubens und Erbes wird uns beistehen, wenn wir einen neuen Kurs einschlagen, der die letztgültige Erfüllung des zionistischen Traumes zum Ziel hat: dass Israel ein sicherer Hafen für unser Volk in einem vorbildlichen Staat in unserem historischen Heimatland ist.

Unsere Finanzmittel wollen wir der Errichtung des besten Bildungssystems der Welt widmen. Armut wird es in unseren Städten und Großstädten nicht geben. Unsere Krankenhäuser und unser Gesundheitssystem werden die Menschheit inspirieren. Unsere Künste und Kultur werden zu neuen Höhen emporblühen. Unsere Kinder werden mehrsprachig und multi-kulturell aufwachsen und sie werden mit unseren Nachbarn in deren Sprache sprechen können, während sie gleichzeitig unsere eigene Sprache und Kultur wertschätzen und pflegen.

Ja, das ist eine Fantasie, aber es ist auch eine Aufgabe und vielleicht ein Katalysator für gewählte Beamte, der sie verstehen lehrt, dass sie nach den Wahlen von Politikern in Staatsmänner und Weltklasse-Führer verwandelt sein können.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Gershon Baskin ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Gershon Baskin
2016

De-risking peace - Part I

The Left is right

The French connection

The United Nations and Israel’s legitimacy

A moment of opportunity

The darkness of our times

Addressing the core

The worst negotiations, the best negotiations

Palestinian turmoil and Israeli interests

This one is for you - the Palestinians

Palestinian suffering makes no sense for Israel

Creating a compelling vision for peace

It is also in our hands

Sooner or later

There is no partner

There is no partner

2015

Yes, it is difficult to make peace

What does he really want?

To those who oppose Israeli-Palestinian peace

Israel – my sad home

Have I got news for you

It is still not too late for peace

Netanyahu, tell us what you really think!

The partnership challenge

The binational reality that we are experiencing

Abbas is still the leader who can make peace

A new intifada?

After Abbas

The distance between here and peace and security

Doing the wrong thing at that wrong time

The one and only solution!

Yeshayahu Leibowitz was right!

The disengagement – 10 years on: What we choose to forget

Needed - a new approach to Gaza

A bad agreement is better than no agreement

Obviously no peace now, so what then?

Ramadan Kareem!

Israel’s strategic choices regarding Gaza

Anti-normalization hypocrites

FIFA, soccer and the Palestinians

Both sides now

It’s time for Palestine

The citizens’ challenge – from despair to hope

We have the chance to do the right thing in Yarmouks

The world is not against us

This is what you voted for, and this is what you will get

The no decision elections

A cautious peace, but peace nevertheless

For the sake of Israel, Netanyahu must be sent home

Going ballistic even prior to an agreement

To the new IDF chief of staff, Gadi Eisenkot

The Peace Bridge

The choices we must make

Israeli elections – It’s not about the economy

Threats and security

2014

Returning to negotiations

Our most important elections

The missed opportunities

We want peace, but they don't

Our future is in our hands

Defining who we are

Unlike religious wars, political wars have solutions

Today and tomorrow

If we had a real leader

Jerusalem of peace, Jerusalem of war

No tango going on at all

The Gaza challenge

Is Hamas prepared to end this war with a long-term ceasefire?

The end of the ceasefire, the renewal of war and the end game

The aftermath

Some thoughts this morning

Regional forum for security and stability – Gaza first

After a long phone conversation with a Hamas leader in Gaza

Don’t destroy Gaza, build it!

Framework document for the establishment of permanent peace (part 3 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace (part 2 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace

Palestinian refugees in Syria

Annexing the West Bank – a catastrophic plan for the Jewish people

Mutual and reciprocal recognition

Our Palestinians, their Jews

A very personal statement on peace

2013

Contextual reciprocity

Negotiating atmospherics

My Conversation With Hamas

Ramadan Kareem

Wahrheit, Lügen und Rechtmäßigkeit

Kauft palästinensisch!

Rat für den Präsidenten

Keine Fortsetzung des Unilateralismus!

Diesen Weg müssen wir einschlagen!

Die Kluft im Umgang mit den israelischen Arabern schließen

2012

Eine Ein-Staat-Realität ist nicht durchführbar

Strategische Fehler und Herausforderungen

Mord an der Chance für Ruhe

Das Ende des Raketenbeschusses aus Gaza

Die Aufgabe eines Staatsmannes

Es gibt einen Ausweg

Atomwaffen raus aus dem Arsenal

Was Abbas Israel sagen sollte

Obama, gestatte es uns nicht!

Ist mein zionistischer Traum gestorben?