Gershon Baskin

Kauft palästinensisch!

24. April 2013

Gershon Baskin. Foto: Otmar Steinbicker

Niemand kann logisch bestreiten, dass arbeitslose, hungrige Nachbarn auch gleichzeitig gefährliche Nachbarn sind.

Im selben Sinne sind angestellte oder berufstätige Nachbarn sehr viel wahrscheinlicher gute Nachbarn, oder wenigstens keine gefährlichen. In jeder Konfliktsituation ist es ratsam Situationen herzustellen, in denen die andere Seite etwas zu verlieren hat. Die gegenüberliegende Seite muss realisieren, dass die Kosten von Gewaltanwendung so groß sind, dass nichts was man auf diese Weise gewinnen könnte, diese Kosten der Gewalt aufwiegt.

Instinktiv sollten wir einfach verstehen, dass wenn die palästinische Wirtschaft stark ist, die Chance, dass gewaltvolle Situationen oder Ausbrüche entstehen, geringer wird.

Nur um es klarzustellen, Wirtschaftlichkeit und Wachstum können nicht die Politik ersetzen. Man kann palästinensische Streben nicht mit Geld erkaufen, trotzdem kann eine bessere wirtschaftliche Situation auch bessere Chance für einen besseren politischen Ausgang kreieren.

Nach der Ernennung von Salam Fayyad in 2007 wurden die Palästinenser aktiv, um ihrem Staat eine Struktur zu geben.

Mit Grundsätzen, wie der Behauptung der eigenen Autorität, der Unterstützung des Rechtsgrundsatzes, dem Kampf gegen die Korruption und dem Neuaufbau der Sicherheitskräfte wollten sie die Schäden der zweiten Intifada bekämpfen. Gleichzeitig sollte so auch die Infrastruktur des Terrorismus im Westjordanland auseinanderbrechen.

Professionelle Einschätzungen bestätigen, dass die palästinensischen Bemühungen erfolgreich waren und während die Gefahr des Terrorismus schwand, half Israel mit amerikanischer Unterstützung die Auflösung der Checkpoints im Westjordanland. So unterstützten sie aktiv die wirtschaftlichen Entwicklungen der Palästinenser. Während der ersten Jahre der palästinensisch-israelischen Initiative für das Wachstum der Wirtschaft konnten beeindruckende Entwicklungen und Ergebnisse beobachtet werden. Das Wachstum war groß, die Arbeitslosigkeit ging zurück und brachte so gleichzeitig auch Hoffnung. Diese Hoffnung war sehr wichtig für die Stabilität und dem Kampf gegen radikal extremistische Elemente während der Erfolgspanne.

Allerdings ist das Wachstum seit dem aufgrund der globalen Finanzlage zurückgegangen. Begleitet von der Abwesenheit eines starken politischen Prozesses, entwickelte sich die Situation im Westjordanland in eine unsicherere und potentiell gefährliche Richtung. Deswegen brauchen wir aufrichtige politische Entwicklungen. Außerdem brauchen wir zusätzliches Wachstum in Palästina. Die Palästinenser und Israelis haben gemeinsame Interessen in diesem Sinne und sollten deswegen Strategien entwickeln, um diesen Interessen nachzukommen und sie zu verwirklichen.

Zum Beispiel braucht Israel Arbeiter, insbesondere in den Bereichen Landwirtschaft und im Baugewerbe. Wir brauchen keine ausländischen Hilfskräfte aus Russland, China, der Ukraine, Thailand oder aus anderen Ländern. Wir haben motivierte, ausgebildete und erfahrene Arbeitskräfte direkt vor der Tür. Diese gehen nach der Arbeit nach Hause und bleiben nicht in unseren Städten und benutzen ihren Lohn, in israelischen Schekel ausgezahlt, um israelische Produkte zu kaufen. Ihr Geld bleibt in unserer Wirtschaft und wird dafür genutzt, das palästinensische Wachstum anzukurbeln.

Bis jetzt haben wir sehr gute Erfahrungen mit palästinensischer Arbeit gemacht. Trotzdem kann die Beschäftigung in Israel keine Dauerlösung für das Wachstum von Palästina darstellen. Es wäre das sofortige Ende von vielen Arbeitsplätzen und dem Geld, das dadurch in die Wirtschaft gelangt.

Auf einfachem Wege könnte Israel 50 000 mehr Palästinensern eine kurzzeitige Arbeit geben. Mit einem durchschnittlichen, monatlichen Gehalt von 5000 Schekel würden 3 Milliarden Schekel im nächsten Jahr in die palästinensische Wirtschaft fließen.

Dieses Geld könnte bei der Palästinensischen Autonomiebehörde versteuert werden und viel davon würde auch dazu genutzt werden, um israelische Produkte zu erwerben.

Es gibt jedes Jahr rund 1500 Hightech Absolventen von palästinensischen Universitäten, die auf den Arbeitsmarkt gehen und nur geringe Chancen auf Arbeit haben, da ihnen die nötigen praktischen Erfahrungen fehlen. Israelische High-Tech Firmen hingegen lagern ihre Produktion nach China und Indien aus. Dieses Outsourcing könnte aber auch nach Palästina organisiert werden. So würden für beide Seiten erhebliche Vorteile entstehen.

Um diese Option glaubwürdig zu machen, müsste man den palästinensischen Absolventen praktische Erfahrungen an die Hand geben. Mit wenigen Investitionen, (welche von der internationalen Gemeinschaft gestellt werden könnten), könnte man ein solides, robustes Praktikumsprogramm für sie in israelischen High-Tech Firmen entwerfen. Viel Arbeit könnte etwa online von zu Hause oder von einem lokalen Arbeitsplatz in Palästina, der eigens hierfür entsteht, geleistet werden.

Ich kann mir vorstellen, dass die besten Praktikanten sogar von den jeweiligen Firmen angestellt werden. Andere könnten motiviert und trainiert werden, genauso wie es in Israel passiert, in Palästina Firmen zu gründen. Junge, israelische Unternehmen könnten beraten, coachen und Richtungen zeigen, während die internationale Gemeinschaft und das Gewerbe finanzielle Unterstützungen sowie Beteiligungskapital stellen könnten. Mit dieser Starthilfe könnten die Palästinenser sich ähnlich entwickeln.

Der beste Weg um das palästinensische Wachstum zu fördern ist außerdem, palästinensische Produkte zu kaufen. Palästina liegt sehr günstig, da es einen relativ gutgehenden Markt vor der Türe hat. Ungefähr 80 Prozent der Güter auf dem lokalen Markt kommen aus Israel, trotzdem schaffen es nur wenige palästinensische Produkte auf den israelischen Markt.

Viele nichttariffäre Handelshemnisse (Handelsbarrieren) schützen den israelischen Markt vor diesen Produkten. Außerdem wissen viele nicht von der israelischen Wirtschaft auf dem palästinensischen Markt. Es könnte viel getan werden um palästinensische Produkte, die auf den israelischen Markt gehen könnten, zu identifizieren. Außerdem könnte Unterstützung gegeben werden, die den palästinensischen Firmen dabei hilft, diese Barrieren hinter sich zu lassen.

Ein Hemmnis, das vor allem überwunden werden muss, ist das Psychologische. Denn der israelische Konsument sieht keinen großen Wert in den palästinensischen Produkten, ausgenommen vielleicht Tahin, Olivenöl und Humus. Man kann reflexartige Reaktionen beobachten: Palästinensisch? Das werde ich nicht kaufen, denn das ist ja das Produkt des Feindes. Wir müssen eine Lösung finden, um diesem Verhalten entgegenzuwirken. Es sollte ein positiver Schritt in Richtung Frieden werden, palästinensische Produkte zu erwerben. Wenn jemand in die Läden in Ramallah, Bethlehem oder Nablus geht, sind die Regale dort mit palästinensischen Produkten gefüllt. Trotzdem erlebt man dieselbe Situation nicht in Israel und so entsteht auch eine Abneigung gegen israelische Produkte. Aber so muss es nicht sein.

Während wir abwarten, ob US-Außenminister John Kerry die beiden Parteien erfolgreich von erneuten Verhandlungen überzeugen kann, könnten die restlichen Einwohner Israels einen Weg zum Frieden suchen und palästinensische Produkte kaufen. Unsere Regierung würde in unserem Sinne handeln, wenn sie diese Produkte auf unseren Markt ließe. Denn palästinensische Produkte sind gut für Israel.

Aus dem Englischen von Lee Beck

Gershon Baskin ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Gershon Baskin
2016

De-risking peace - Part I

The Left is right

The French connection

The United Nations and Israel’s legitimacy

A moment of opportunity

The darkness of our times

Addressing the core

The worst negotiations, the best negotiations

Palestinian turmoil and Israeli interests

This one is for you - the Palestinians

Palestinian suffering makes no sense for Israel

Creating a compelling vision for peace

It is also in our hands

Sooner or later

There is no partner

There is no partner

2015

Yes, it is difficult to make peace

What does he really want?

To those who oppose Israeli-Palestinian peace

Israel – my sad home

Have I got news for you

It is still not too late for peace

Netanyahu, tell us what you really think!

The partnership challenge

The binational reality that we are experiencing

Abbas is still the leader who can make peace

A new intifada?

After Abbas

The distance between here and peace and security

Doing the wrong thing at that wrong time

The one and only solution!

Yeshayahu Leibowitz was right!

The disengagement – 10 years on: What we choose to forget

Needed - a new approach to Gaza

A bad agreement is better than no agreement

Obviously no peace now, so what then?

Ramadan Kareem!

Israel’s strategic choices regarding Gaza

Anti-normalization hypocrites

FIFA, soccer and the Palestinians

Both sides now

It’s time for Palestine

The citizens’ challenge – from despair to hope

We have the chance to do the right thing in Yarmouks

The world is not against us

This is what you voted for, and this is what you will get

The no decision elections

A cautious peace, but peace nevertheless

For the sake of Israel, Netanyahu must be sent home

Going ballistic even prior to an agreement

To the new IDF chief of staff, Gadi Eisenkot

The Peace Bridge

The choices we must make

Israeli elections – It’s not about the economy

Threats and security

2014

Returning to negotiations

Our most important elections

The missed opportunities

We want peace, but they don't

Our future is in our hands

Defining who we are

Unlike religious wars, political wars have solutions

Today and tomorrow

If we had a real leader

Jerusalem of peace, Jerusalem of war

No tango going on at all

The Gaza challenge

Is Hamas prepared to end this war with a long-term ceasefire?

The end of the ceasefire, the renewal of war and the end game

The aftermath

Some thoughts this morning

Regional forum for security and stability – Gaza first

After a long phone conversation with a Hamas leader in Gaza

Don’t destroy Gaza, build it!

Framework document for the establishment of permanent peace (part 3 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace (part 2 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace

Palestinian refugees in Syria

Annexing the West Bank – a catastrophic plan for the Jewish people

Mutual and reciprocal recognition

Our Palestinians, their Jews

A very personal statement on peace

2013

Contextual reciprocity

Negotiating atmospherics

My Conversation With Hamas

Ramadan Kareem

Wahrheit, Lügen und Rechtmäßigkeit

Kauft palästinensisch!

Rat für den Präsidenten

Keine Fortsetzung des Unilateralismus!

Diesen Weg müssen wir einschlagen!

Die Kluft im Umgang mit den israelischen Arabern schließen

2012

Eine Ein-Staat-Realität ist nicht durchführbar

Strategische Fehler und Herausforderungen

Mord an der Chance für Ruhe

Das Ende des Raketenbeschusses aus Gaza

Die Aufgabe eines Staatsmannes

Es gibt einen Ausweg

Atomwaffen raus aus dem Arsenal

Was Abbas Israel sagen sollte

Obama, gestatte es uns nicht!

Ist mein zionistischer Traum gestorben?