Gershon Baskin

Wahrheit, Lügen und Rechtmäßigkeit

08. Mai 2013

Der Jerusalemtag erinnert an die Vereinigung von Jerusalem als die ewige Hauptstadt des israelischen Staates und des jüdischen Volkes.

In Wirklichkeit jedoch ist Jerusalem nicht vereint. Wir lügen uns selbst an, wenn wir dies behaupten. Jerusalem mag vielleicht unter der vollen Kontrolle Israels sein, aber das heißt nicht gleich vereint.

Der Höhepunkt der Feierlichkeiten am Jerusalemtag ist der Marsch mit der israelischen Flagge durch die palästinischen Nachbarschaften von Jerusalem. Unter dem Damaskustor hindurch führt er in das Herz des muslimischen Viertels. Die Jugendlichen schreien „Tod den Arabern“, „Mohammed ist tot“, „Jerusalem nur den Juden“, „Kahane hatte recht“ und noch mehr.

Ist es nicht an der Zeit, dass wir mal ehrlich, wenigsten zu uns selbst sind? Jerusalem ist nicht eine Stadt. Obwohl wir die totale Kontrolle über das Gebiet haben, haben wir keine Souveränität. (Keine Sorge liebe Leser, der Text wird auch auf die Lügen der anderen Seite eingehen). Es gibt mindestens zwei Jerusalems: Ein israelisches und ein palästinensisches.

Jerusalem ist auch in anderen Fragen geteilt – Es gibt ein religiöses, jüdisches Jerusalem und ein säkulares, jüdisches Jerusalem. Außerdem gibt es ein christliches Jerusalem und ein muslimisches Jerusalem. Jede Identitätsgruppe der Stadt hat seine eigene geopolitisch-demographische Realität, welche sie durch die eigenen Erzählungen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft formt und kontrolliert.

Die meisten der Erzählungen bezeichnen eine Fantasie-Realität, die geglaubt wird und in der die anderen einfach nicht existieren. Manchmal teilen die verschiedenen Gruppen sogar denselben Raum – etwa in Krankenhäusern, Einkaufszentren oder auf den Straßen – aber sie vermischen sich nicht und interagieren auch nicht. Jede von ihnen lebt in ihrem eigenen Jerusalem.

Ich möchte Jerusalem nicht aufteilen und dies ist der Grund, warum ich keine physischen Teilungen in Jerusalem möchte. Die Mauern um die Altstadt sind genug für mich. Ich würde gerne Jerusalem als einen offenen, urbanen Raum sehen, der allerdings von seinen verschiedenen Identitäten geteilt und mit klaren Grenzen zwischen ihnen versehen ist. Als Erstes müssen diese Abgrenzungen zwischen dem israelischen Jerusalem und dem palästinensischen Jerusalem sein.

Da Jerusalem die gespaltenste Stadt auf der Welt ist, sollte es wirklich möglich sein, solche Grenzlinien zu ziehen. Es ist möglich, zu bestimmen, dass die palästinischen Nachbarschaften unter palästinischer Souveränität und die israelischen unter israelischer Souveränität existieren.

Außerdem ist es möglich, eine gemeinsame Polizei oder verschiedene Einsatzkräfte, die zusammenarbeiten, in der Stadt zu haben. Man könnte verschiedene Modelle für Gemeinderegierungen bilden, welche die physische Öffnung der Stadt und zugleich den verschiedenen Gruppen ihre eigenen Hauptstädte in Jerusalem sichern.

Israel hat keine Souveränität in Jerusalem. Nicht weil es sie nicht behauptet, denn das tun es. Sondern weil Souveränität nicht einfach genommen werden kann, sie muss respektiert werden.

Israels Souveränität in Jerusalem wird von fast keinem Land der Welt anerkannt.

Es gibt keine Botschaften in Jerusalem und es wird auch so lange keine geben, bis es zwei souveräne Staaten in Jerusalem gibt. Wenn Israel die palästinische Souveränität mancher Stadtteile anerkennt, dann wird die Welt sofort die israelische Souveränität über ihre Stadtteile respektieren.

Bis dahin ist es weise, sich an das reale Jerusalem oder besser an die verschiedenen Jerusalems – ein israelisches und ein palästinensisches – zu gewöhnen. Mit diesem Gedanken können wir anfangen, die offene Stadt Jerusalem mit zwei Hauptstädten und zwei Souveränitäten zu planen, sodass das Zusammenleben wirklich funktioniert und eine Inspiration für den Rest der Welt darstellt.

Da wir über Lügen reden, ist es Zeit, dass die Palästinenser auch die Wahrheit sagen. Die Palästinenser sind kurz vor ihren offiziellen Trauertagen: Naksa bezeichnet den Verlust des Westjordanlandes und des Gaza Streifens 1967, und Nabka steht für die Katastrophe des Verlusts und des Exils 1948.

Es besteht kein Zweifel, dass sie ein eigenes Recht auf ihre eigene Erzählung haben, welche die unsere negiert. Das ist legitim und für sie auch keine Lüge. Die Lüge liegt in dem Glauben und dem Mythos, dass die Flüchtlinge und Millionen ihrer Nachkommen zurück in ihre Heimat gehen können.

Es ist klar, dass die zentrale Bedrohung der palästinischen Identität die Erfahrung der Nabka ist. Die Lüge der Rückkehr am Leben zu erhalten verringert die Möglichkeit einer zweiten, nächsten Bedrohung der palästinischen Identität: nämlich der Glaube, dass sie auf ihr Heimatland und ihren Staat bauen können.

Mit Stolz könnten die palästinischen Menschen zusammenkommen und ihren Staat auf der palästinischen Seite errichten. Anschließend könnten sie ihren Fokus auf die Zukunft legen, anstatt weiter weiterhin zu leiden, was manche von ihnen „Nakba“ nennen. Sie könnten entweder die Lüge leben und leiden oder damit beginnen, sich der Realität und der Wahrheit zu stellen, dass ihr Palästina, ihr Staat, wahr werden kann, wenn sie sich mit Israel vertragen.

Für Israel und die Israelis bedeutet das, dass wir die palästinische Existenz legitimieren und ihnen Recht an ihrem Teil des Landes zusprechen müssen. Beide Seiten können weiterhin diese Geschichte glauben, dass Gott ihnen das Land gegeben hat und sie deswegen Rechte an diesem Land haben, trotzdem werden sie es niemals ganz haben können.

Wenn wir in der Lage sind, dies zu tun, werden wird außerdem anerkennen, dass unsere Vergangenheit sich kreuzt und deswegen müssen unsere Erzählungen auch die rechtmäßige Existenz der anderen anerkennen.

In Bezug auf Jerusalem bedeutet dies, dass jeder einzelne Teil der Identität Jerusalems legitimiert ist und das nicht eine einzige Gruppierung die Überlegenheit über die anderen Komponente genießen darf.

Jerusalem ist jüdisch. Jerusalem ist israelisch. Jerusalem ist palästinensisch. Jerusalem ist muslimisch und christlich und für die gesamte Menschheit. Es gehört uns allen.

Aus dem Englischen von Lee Beck

Gershon Baskin ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Gershon Baskin
2016

De-risking peace - Part I

The Left is right

The French connection

The United Nations and Israel’s legitimacy

A moment of opportunity

The darkness of our times

Addressing the core

The worst negotiations, the best negotiations

Palestinian turmoil and Israeli interests

This one is for you - the Palestinians

Palestinian suffering makes no sense for Israel

Creating a compelling vision for peace

It is also in our hands

Sooner or later

There is no partner

There is no partner

2015

Yes, it is difficult to make peace

What does he really want?

To those who oppose Israeli-Palestinian peace

Israel – my sad home

Have I got news for you

It is still not too late for peace

Netanyahu, tell us what you really think!

The partnership challenge

The binational reality that we are experiencing

Abbas is still the leader who can make peace

A new intifada?

After Abbas

The distance between here and peace and security

Doing the wrong thing at that wrong time

The one and only solution!

Yeshayahu Leibowitz was right!

The disengagement – 10 years on: What we choose to forget

Needed - a new approach to Gaza

A bad agreement is better than no agreement

Obviously no peace now, so what then?

Ramadan Kareem!

Israel’s strategic choices regarding Gaza

Anti-normalization hypocrites

FIFA, soccer and the Palestinians

Both sides now

It’s time for Palestine

The citizens’ challenge – from despair to hope

We have the chance to do the right thing in Yarmouks

The world is not against us

This is what you voted for, and this is what you will get

The no decision elections

A cautious peace, but peace nevertheless

For the sake of Israel, Netanyahu must be sent home

Going ballistic even prior to an agreement

To the new IDF chief of staff, Gadi Eisenkot

The Peace Bridge

The choices we must make

Israeli elections – It’s not about the economy

Threats and security

2014

Returning to negotiations

Our most important elections

The missed opportunities

We want peace, but they don't

Our future is in our hands

Defining who we are

Unlike religious wars, political wars have solutions

Today and tomorrow

If we had a real leader

Jerusalem of peace, Jerusalem of war

No tango going on at all

The Gaza challenge

Is Hamas prepared to end this war with a long-term ceasefire?

The end of the ceasefire, the renewal of war and the end game

The aftermath

Some thoughts this morning

Regional forum for security and stability – Gaza first

After a long phone conversation with a Hamas leader in Gaza

Don’t destroy Gaza, build it!

Framework document for the establishment of permanent peace (part 3 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace (part 2 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace

Palestinian refugees in Syria

Annexing the West Bank – a catastrophic plan for the Jewish people

Mutual and reciprocal recognition

Our Palestinians, their Jews

A very personal statement on peace

2013

Contextual reciprocity

Negotiating atmospherics

My Conversation With Hamas

Ramadan Kareem

Wahrheit, Lügen und Rechtmäßigkeit

Kauft palästinensisch!

Rat für den Präsidenten

Keine Fortsetzung des Unilateralismus!

Diesen Weg müssen wir einschlagen!

Die Kluft im Umgang mit den israelischen Arabern schließen

2012

Eine Ein-Staat-Realität ist nicht durchführbar

Strategische Fehler und Herausforderungen

Mord an der Chance für Ruhe

Das Ende des Raketenbeschusses aus Gaza

Die Aufgabe eines Staatsmannes

Es gibt einen Ausweg

Atomwaffen raus aus dem Arsenal

Was Abbas Israel sagen sollte

Obama, gestatte es uns nicht!

Ist mein zionistischer Traum gestorben?