Gershon Baskin

Obama, gestatte es uns nicht!

21. August 2012

Obama braucht nicht nach Jerusalem zu kommen, um die Menschen in Israel von seinen guten Absichten zu überzeugen.

Eine erstaunliche Reihe von Militärexperten, pensionierten Generälen, Führern von Mossad und dem Allgemeinen Sicherheitsdienst, ehemaligen Führern des Nationalen Sicherheitsrats, ehemaligen Verteidigungsministern und Ministerpräsidenten haben alle an den Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und den Verteidigungsminister Ehud Barak appelliert, nicht ohne die volle Unterstützung und die Beteiligung der Vereinigten Staaten den Iran anzugreifen.

Dem Hintergrund dieser Persönlichkeiten zum Trotz besteht unter den rechtsgerichteten Abgeordneten und Unterstützern des amtierenden Ministerpräsidenten die Neigung zu behaupten, diejenigen, die dieser Einstellung anhingen, seien Linke, Verräter, Quislinge und Anarchisten. Ich spreche nicht von denen, die an Piloten appellieren, sie sollten den Befehl verweigern, sondern von Persönlichkeiten, deren militärische Erfahrung und politischer Ruf nicht infrage gestellt werden können.

Auch ich appelliere an den Ministerpräsidenten und den Verteidigungsminister, den Iran nicht anzugreifen. Ich weiß, ich werde dann Chamberlain und Quisling und alles Mögliche andere genannt. Ich weiß, dass einige meiner Leser sofort sagen werden, ich begünstigte einen nuklearen Angriff der Iraner auf Israel. Ich mache mir nichts daraus. Wenn der Verteidigungsminister leichtfertig von 500 Opfern spricht, wenn wir Israelis uns vernünftig verhielten und nicht aus dem Haus gingen, haben wir guten Grund, bei seiner Befürwortung eines Angriffs seine geistige Gesundheit infrage zu stellen.

Warum nicht 5 000 oder 50 000? Wer kann schon genau vorhersagten, wie viele von uns durch einen Raketenregen umkommen werden, durch Raketen, die unsere Raketenabwehrsysteme nicht haben abwehren können? Der Krieg zwischen Iran und Irak dauerte acht Jahre und er forderte mehr als eine Million Opfer. Wenn wir den Iran angreifen, wie könnten wir denken, der Krieg werde schnell vorüber sein und aufhören, wenn wir ihn beenden wollen?

Das muss man natürlich dem Risiko gegenüberstellen, dass wir es mit einer iranischen Atombombe zu tun bekommen. Niemand hat bisher gesagt, die endgültige „rote Linie” Israels – die Entscheidung des Iran, eine Bombe zu bauen – sei überschritten worden. Niemand hat einen entschiedenen, unleugbaren Beweis dafür vorgebracht, dass es ein iranisches Atombomben-Programm gebe. Das Zuverlässigste, was wir haben, sind IAEA-Berichte, die nicht bestätigen können, dass es kein Atomwaffen-Programm gebe.

Die Vereinigten Staaten präsentierten stärkere Beweise als diesen, um den Angriff auf den Irak zu rechtfertigen, ohne dass sie auch nur den Schatten eines wirklichen Beweises gefunden hätten, dass Saddam Hussein tatsächlich vor dem Zweiten Golfkrieg ein Atomwaffen-Programm gehabt hätte. Ich will damit weder sagen, der Iran habe zurzeit ein Atomwaffen-Programm noch er habe keins.

Wahrscheinlich haben sie die Absicht, ein Waffenprogramm zu entwickeln, und weder ignoriere ich die antisemitische und antiisraelische rhetorische Bedrohung unserer Existenz noch nehme ich sie leicht. Ich stelle nur infrage, ob es klug sei, wenn Israel alleine einen Schlag gegen den Iran führen würde.

Ich denke, dass ein Schlag Israels gegen den Iran darauf zielen würde, dem Iran seine Bombenpläne zu erschweren. Ein Schlag Israels hätte die Absicht, den Iran von künftigen Plänen abzuschrecken. Zwar hätte Israel keine reale Möglichkeit, einen ernsthaften Schlag gegen das Nuklearprogramm zu führen, aber wahrscheinlich würde ein Schlag Israels auf die zivile Infrastruktur, z. B. Raffinerien und Elektrizitätswerke, mit der Absicht zielen, den Iran ins 19. Jahrhundert zurückzuschicken

Ähnliche Pläne vor dem Zweiten Libanon-Krieg bewirkten nicht, dass sich die libanesische Öffentlichkeit, wie gehofft, gegen die Hisbollah wendete, sondern sie machten im Gegenteil Hassan Nasrallah zum beliebtesten Führer in der arabischen und islamischen Welt. Ich bin ziemlich sicher, dass einige unserer israelischen Experten in der Umgebung Netanyahus und Baraks darauf setzen, dass ein Schlag Israels die iranische Opposition stärken und der „grünen Bewegung“, die nach den Präsidentschaftswahlen 2009 in Proteste ausgebrochen war, neues Leben einhauchen würde.

Wie wäre es, wenn der Schlag Israels das genaue Gegenteil bewirken würde? Wie wäre es, wenn der Schlag Israels den Ayatollahs im Iran die öffentliche Legitimation dafür lieferte, das Nuklearwaffen-Programm, das sie wahrscheinlich heute gar nicht haben, vorwärtszutreiben? Das Endergebnis kann tatsächlich sein, dass sich der Iran entschließt, seine Bomben zu bauen, und dass er seine Pläne sogar beschleunigt, um zu beweisen, dass er es dem Angriff Israels zum Trotz immer noch tun kann.

EIN SCHLAG ISRAELS gegen den Iran ist schlecht für Israel. Er ist zu gefährlich, zu riskant, hat keine sicheren Ergebnisse und setzt Millionen israelischer Bürger der direkten Gefahr von Angriffen unserer Nachbarn aus. Er wird den Rückhalt gegen Israel in der gesamten arabischen und islamischen Welt festigen. Selbst wenn einigen Regimen in der Region ein Schlag Israels gefallen würde, würden die arabischen und islamischen Straßen in der Region zum Hass der Ayatollhs auf Israel zusammenlaufen. Juden und jüdische Institutionen in aller Welt könnten dem vom Iran geführten Terrorismus zum Opfer fallen – wir haben ja schon gesehen, wozu dieser Terrorismus fähig ist. Warum sollten wir alle diese Gefahren auf uns nehmen?

Die beste Möglichkeit, heute den drohenden Schlag Israels zu verhindern, scheint mir, dass die USA aufhörten, um den heißen Brei herumzureden, und statt dessen ganz handfest ohne alle Wenns, Unds oder Abers öffentlich erklärten, dass sie zu diesem Zeitpunkt einen Schlag Israels gegen den Iran nicht akzeptierten.

Israel würde von den USA gelieferte Waffen und Technik einsetzen und die USA haben als bei Weitem wichtigste Verbündete Israels die Pflicht, uns klar und deutlich zu sagen, was sie wirklich für richtig halten. Weite und Tiefe der Beziehung zwischen den USA und Israel gehen weit über die 3 Milliarden jährliche Hilfe hinaus. Israel hat viel zu viel zu verlieren, wenn es eine entschiedene Forderung der USA ignoriert. Um dieser einstimmigen Feststellung noch mehr Gewicht zu verleihen, sollte Präsident Barack Obama auch noch einmal versichern, dass die USA dem Iran nicht gestatten, eine Atommacht zu werden. Diese Aussage sollte er durch eine entschiedene Zusage der USA stützen, sie würden, wenn notwendig, Gewalt gebrauchen, um ihre Forderung durchzusetzen.

Obama braucht nicht nach Jerusalem zu kommen, um die Menschen in Israel von seinen guten Absichten zu überzeugen. Aber er soll uns sagen: „Beruhigt euch, wir lassen Israel nicht im Stich und wir werden keine iranische Atombombe tolerieren!“ Um Israels willen brauchen wir unsere amerikanischen Freunde dazu, dass sie uns aufhalten, ehe es zu spät ist.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Gershon Baskin ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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Beiträge von Gershon Baskin
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De-risking peace - Part I

The Left is right

The French connection

The United Nations and Israel’s legitimacy

A moment of opportunity

The darkness of our times

Addressing the core

The worst negotiations, the best negotiations

Palestinian turmoil and Israeli interests

This one is for you - the Palestinians

Palestinian suffering makes no sense for Israel

Creating a compelling vision for peace

It is also in our hands

Sooner or later

There is no partner

There is no partner

2015

Yes, it is difficult to make peace

What does he really want?

To those who oppose Israeli-Palestinian peace

Israel – my sad home

Have I got news for you

It is still not too late for peace

Netanyahu, tell us what you really think!

The partnership challenge

The binational reality that we are experiencing

Abbas is still the leader who can make peace

A new intifada?

After Abbas

The distance between here and peace and security

Doing the wrong thing at that wrong time

The one and only solution!

Yeshayahu Leibowitz was right!

The disengagement – 10 years on: What we choose to forget

Needed - a new approach to Gaza

A bad agreement is better than no agreement

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Israel’s strategic choices regarding Gaza

Anti-normalization hypocrites

FIFA, soccer and the Palestinians

Both sides now

It’s time for Palestine

The citizens’ challenge – from despair to hope

We have the chance to do the right thing in Yarmouks

The world is not against us

This is what you voted for, and this is what you will get

The no decision elections

A cautious peace, but peace nevertheless

For the sake of Israel, Netanyahu must be sent home

Going ballistic even prior to an agreement

To the new IDF chief of staff, Gadi Eisenkot

The Peace Bridge

The choices we must make

Israeli elections – It’s not about the economy

Threats and security

2014

Returning to negotiations

Our most important elections

The missed opportunities

We want peace, but they don't

Our future is in our hands

Defining who we are

Unlike religious wars, political wars have solutions

Today and tomorrow

If we had a real leader

Jerusalem of peace, Jerusalem of war

No tango going on at all

The Gaza challenge

Is Hamas prepared to end this war with a long-term ceasefire?

The end of the ceasefire, the renewal of war and the end game

The aftermath

Some thoughts this morning

Regional forum for security and stability – Gaza first

After a long phone conversation with a Hamas leader in Gaza

Don’t destroy Gaza, build it!

Framework document for the establishment of permanent peace (part 3 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace (part 2 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace

Palestinian refugees in Syria

Annexing the West Bank – a catastrophic plan for the Jewish people

Mutual and reciprocal recognition

Our Palestinians, their Jews

A very personal statement on peace

2013

Contextual reciprocity

Negotiating atmospherics

My Conversation With Hamas

Ramadan Kareem

Wahrheit, Lügen und Rechtmäßigkeit

Kauft palästinensisch!

Rat für den Präsidenten

Keine Fortsetzung des Unilateralismus!

Diesen Weg müssen wir einschlagen!

Die Kluft im Umgang mit den israelischen Arabern schließen

2012

Eine Ein-Staat-Realität ist nicht durchführbar

Strategische Fehler und Herausforderungen

Mord an der Chance für Ruhe

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Ist mein zionistischer Traum gestorben?